Der Schneepenis

Ich bin ja der festen Überzeugung, dass Schnee etwas Magisches hat – muss ja so sein, schliesslich kommen die Flöckchen direkt vom Himmel. Beim Bär hingegen ruft Schnee eine akute Grummeligkeit hervor. «Als Südländer kann man es ihm ja auch nicht verübeln», meinte die Eremitin noch am Vorabend des grossen Schneefalls am Telefon. Seine liebenswerte Nonchalance – in den guten Momenten auch wunderbare Gelassenheit genannt – führte leider dazu, dass er jetzt, im Januar, den längt überfälligen Reifenwechsel noch nicht getätigt hat. Klassische südländische Vermeidung.
Jedenfalls hat es uns drei – den grossen und den kleinen Bären und mich verfotzeltes Waschweib – an einem Samstagnachmittag ins Himmelrych verschlagen. Oh ja! Warum haben Menschen, die auf dem Land wohnen, immer so schöne Adressen? Eulenweg zum Beispiel. Römerstrasse. (Wer ist da wohl durchgerömert?) Oder Himmelrych. Das Himmelrych ist ein typisches Schweizer Einfamilienhausquartier im Kanton Aargau. Es besteht erst seit einigen Jahren, auf dem Navi des alten Autos vom Bär war es noch nicht mal eingezeichnet. Und fertig gebaut ist es auch noch nicht. Aber egal.
Jedenfalls herrschte im Himmelrych noch eine friedhofsähnliche Ruhe, als wir ankamen (Mittagsruhe). Doch ab 14 Uhr ist buchstäblich das ganze Quartier auf den Beinen. Vor praktisch jeder Haustür wird die Einfahrt vom Schnee befreit, und während die Kinder im Schnee herumtoben und mit ihren «Füdlibobs» nach den besten Plätzen zum Schlitteln Ausschau halten, schippen die Erwachsenen Schnee und schauen dabei sehr zufrieden und kein bisschen grummlig aus. Eher so, als wären sie froh, dass es rund ums Haus endlich mal wieder etwas zu tun gibt. Die Gartenarbeit fällt ja im Winter flach.
«Die stecken sich vielleicht gegenseitig mit ihrem Aktionismus an», vermute ich. Und auch meine Himmelrychner Freundin empört sich: «Es hat doch noch nicht mal aufgehört zu schneien!» Der Bär als wackerer Autofahrer hingegen setzt an zu einem Monolog darüber, dass jetzt der ideale Zeitpunkt sei, um den Schnee noch gut wegzubringen, weil er danach festfrieren … ach, keine Ahnung. Hast du etwas gesagt, Südländer?
Ich hingegen bin nicht mal sicher, ob bei uns an der alten Landstrasse irgendwo eine Schaufel rumsteht. Was ich sicher weiss: Dass ich sicher nicht unter den Eifrigen wäre, die jetzt schon mit der Schneeschaufel zugange wäre. Auf unserem kurzen Spaziergang durch das Himmelrych fragte ich bei zwei Vätern nach den Beweggründen. Einer führte die Sicherheit der Kinder ins Feld, der andere antwortete mit Schulterzucken, was meine These untermauert, dass er mehr die leeren Stunden am Samstagnachmittag totschlägt. Und das Lustigste: Innert kürzester Zeit entstehen auch schon die ersten Bauwerke aus Schnee. Ein mächtiger Schneemann mit Knopfaugen schaut gütig zu mir runter, als Arme hat er Buschwerk bekommen, die obligate Karottennase sitzt – und sogar einen Schal hat ihm die Familie noch fürsorglich um den Hals geschlungen. Gleich daneben haben die Erwachsenen eine Eisbar gebaut und auch schon eingerichtet. Ein kleine Junge, der auf seinem Po im Schnee herumrutscht, bietet mir ein Bier an.
Abends kehre ich mit der Erkenntnis zurück in unsere Wohnung, dass in Einfamilienhäusern schon etwas seltsame, weil übereifrige Menschen wohnen. Aber solche mit Kreativität und Tatkraft, das muss man ihnen lassen! Das war noch, bevor ich wusste, dass jemand über Nacht einen riesigen, zwei Meter hohen Penis aus Schnee mitten auf den Thalwiler Dorfplatz gebaut hat. Besonders schönes Detail: Mit kleinen Tannenzweigen haben die Macher:innen die stoppligen Haare am Gemächt angedeutet.
Ach, Thalwil: Jetzt weiss ich endlich, warum ich mich zwischen deinen Lenden so wohl fühle. Heute bin ich dann zum Schneepenis gepilgert wie eine Gläubige zu ihrem Schrein. Ich wollte ihn einfach nochmals mit eigenen Augen sehen, bevor ihn die Sonne erbarmungslos wegschmilz. Die Eichel wies bereits einige besorgniserregende Dellen auf.
Der Schnee ist im Unterland nur ein kurzes Vergnügen – doch dieser geniale Streich wird mir noch lange ein Lächeln ins Gesicht zaubern.
Und den unbekannten Macher:innen wohl erst recht.