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Hello Hipsters

Am Bahnhof Hardbrücke steht irgendwo geschrieben: «You could cut your brain in two pieces and you still wouldn’t be open-minded.» Ich lächle in mich hinein, denn seit einer Weile dämmert mir, dass ich engstirniger bin, als ich immer dachte. Es gibt wenig Menschen, die wirklich tolerant sind – das hat die kluge Eremitin schon vor Jahren erkannt. Gleichwohl habe ich eine Faszination für alles Fremde. Eine Kollegin erzählt mir von einer Reise nach London, die sie mit ihrem marokkanischstämmigen Ehemann unternommen hat. Die Wahrnehmung einer dunkelhäutigen Person gegenüber sei dort etwas völlig anderes. Im Klartext: Hier in der Schweiz sind dunkelhäutige Personen immer noch eher selten, während in London zum ersten Mal in der Weltgeschichte mehr dunkel- als hellhäutige Menschen leben.

Ich freue mich, dass das die Richtung ist, die die Menschheit eingeschlagen hat. Aber es stellt auch grosse Herausforderungen an uns, ist es doch so viel einfacher, sich mit Gleichgesinnten zusammenzuraufen. So wie sich am Winterthurer Nachtbazar auf dem Lagerplatz die Hipster-Latte Macchiato-Fraktion zusammenfindet, die seit einiger Zeit immer zahlreicher wird, weil sie ins Reproduktionsalter gekommen ist. Die Söhne tragen kecke Schirmmützen, die Töchter Ballerinas und man ist sich nicht ganz sicher, ob hier bald ein Spot für H&M oder C&A abgedreht werden soll. «Diese Kinder sind besser angezogen als ich!», ruft die Eremitin empört. Die Latte-Macchiato-Fraktion vereint eben alternativen Lebensstil mit Modebewusstsein. Ob sie tatsächlich so tolerant ist wie sie sich gibt – darauf bin ich gespannt.

Der Barbier von Goa

Randolph saß in seinem Korbstuhl im Garten. Er hatte sich einen Sarong um die Hüften geschlungen. Oben trug er ein marineblaues Hemd. Er ließ den Blick über sein Anwesen streifen. Aus der Ferne drangen Tierlaute an sein Ohr. Zufrieden lächelnd schenkte er sich Whisky nach. Leise klirrten die Eiswürfel im Glas. Ja, er hatte sich wirklich etwas aufgebaut mit dieser Farm! Und nun sollte ihm alles genommen werden. Morgen würden die Bulldozer auffahren.

«Randolph?» Eine asiatische Schönheit trat aus dem Haus, in ein Seidenkleid gehüllt, die langen dunklen Haare trug sie offen. Von hinten berührte sie ihn leicht an der Schulter.

«Was machst du hier draußen, so ganz allein?»

Randolph seufzte. «Ich sinniere.»

«Komm zurück ins Haus.»

«Gleich, honey», sagte er gedankenverloren.

Er dachte an all die Partys, die er in diesem Garten ausgerichtet hatte. Jedes Mal tauchten an die fünfzig Gäste auf, manche nahmen sogar den beschwerlichen Weg aus Nairobi auf sich. Vorwiegend weiße, die sich diesen verlassenen Landstrich als Kulisse für ihr Leben ausgesucht hatten. Die Kikuyus servierten Cocktails und Lachsbrötchen, und immer dachte sich Randolph zur Erheiterung der Gäste etwas Besonderes aus: eine Pavianfamilie, die drollige Kunststücke aufführte, ein Flötist mit selbst geschnitzten Bambusflöten oder ein Skorpion-Rennen – je später der Abend, desto höher die Wetteinsätze. Sogar der deutsche Botschafter mit seiner reizlosen Gattin hatte ihn letztes Mal mit einem Besuch beehrt. Er lächelte in sich hinein, als er an all die neidischen Blicke dachte, die er mit der bezaubernden Elaine auf sich zog. «Jaguar», flüsterte sie ihm ins Ohr, wenn sie gemeinsam auf die Terrasse heraustraten, «das hast du wieder fantastisch hingekriegt.»

In den letzten Wochen und Monaten war sein Leben zuerst langsam, dann immer schneller in Schieflage gekippt. Die ursprünglichen Landbesitzer waren vor Gericht gezogen, um ihren Anspruch auf sein Land geltend zu machen. Dieses hatte er der Regierung vor zehn Jahren für einen Spottpreis abgekauft. Gestern war er nun gekommen, der Brief vom Gericht: Der Kikuyu-Clan hatte den Prozess gewonnen. Morgen würde Randolph also nicht nur plötzlich ein mittelloser fünfzigjähriger weißer sein, sondern schlagartig auch seines sozialen Status beraubt. Denn was war ein Farmbesitzer ohne seine Farm?

Behäbig stemmte er sich aus dem Sessel und ging barfuß über den gepflegten Rasen, der in der Abenddämmerung glitzerte. Die Grashalme kitzelten ihn an den Fußsohlen. Die Farm stand auf einer Anhöhe im Niemandsland. Bloß ein Zaun trennte sie von den wilden Schakalen, die ihn nachts mit ihrem Geheule beinahe um den Verstand brachten. Randolph betrat das Haus über die Terrasse, der gelb-grüne Papagei schaute ihn vorwurfsvoll aus seinen schwarzen Knopfaugen an und krächzte laut. Randolph befüllte Lady Montgomerys Schälchen mit Frischwasser. Der Papagei sprang auf seine rechte Schulter, zuckelte mit dem Kopf und pickte ihm mit dem Schnabel ins Ohr. Randolph lächelte und tätschelte dem Tier den Rücken. «Jedem Piraten seinen Papagei», seufzte er und erinnerte sich an seine etwas lang geratenen Wanderjahre, die ihn als Matrose kreuz und quer über die sieben Weltmeere geführt hatten.

Eines Tages packte er ein paar Wechselklamotten in einen abgewetzten Lederkoffer, ließ seinen Eltern und seiner Schwester einen Brief auf dem Küchentisch zurück und bestieg ohne ein weiteres Abschiedswort den nächsten Zug nach Triest. Die Gassen waren backofenglutheiss und stanken zum Himmel, fremde Zungen redeten auf ihn ein. Randolph, eben erst der Provinz entkommen, schaute ungläubig dem wilden Treiben an den Landungsbrücken zu. Bärtige Matrosen wankten mit leerem Blick durch die Hafengässchen und versoffen ihre Heuer in nur einem Abend, Waren wurden ein- und ausgeladen, auf dem Schwarzmarkt wurden Wildtiere wie Schlangen oder Affen verhökert. Er kratzte sein letztes Geld für ein schäbiges Zimmer zusammen. Durch das kleine Fenster mit der verschmierten Scheibe hatte er Ausblick auf den Golf von Triest und den grenzenlosen Horizont. Plötzlich überfiel ihn ein starkes Heimweh – ein Gefühl, das er überhaupt nicht kannte.  In den Kleidern legte er sich aufs Bett und fiel sofort in einen traumlosen Schlaf.

Sein Leben verbesserte sich schlagartig, als er Heinrich kennenlernte. Heinrich war Deutscher wie er und fuhr schon seit zwanzig Jahren zur See. Sein voller Bart starrte vor Schmutz, auf seinem muskulösen linken Oberarm prangte ein Anker. «Richtige Seefahrer trinken Grog!», polterte er und gab dem Kneipenwirt ein Zeichen. «Ich bin eben aus Indochina zurück», sagte er. «Die tropische Hitze, die Mücken, das verdorbene Essen … ein Grog mit einem hochprozentigen Rum schützt dich vor jeder Krankheit, die du dort unten auflesen kannst.»

Ein schmaler Junge brachte ihnen zwei Gläser, Heinrich schob Randolph eines hin.

«Du willst zur See?», fragte er. Randolph nickte schnell. «Die Franz Ferdinand läuft in drei Tagen wieder aus. Ich kann dich empfehlen, wenn du körperliche Arbeit nicht scheust.» Heinrich prostete Randolph zu und exte den Grog. «Ahhhhh!», machte er. «Wie himmlisch das schmeckt. Ich kann dir das Matrosenleben sehr ans Herz legen – vorausgesetzt, du hältst dich an einige Regeln.»

«An welche denn?», fragte Randolph neugierig.

«Erste und wichtigste Regel: Treib es mit den Weibern so viel wie du willst, aber verlieb dich niemals. Die Weibsbilder sind wie Kolumbus», sagte Heinrich. «Sie entdecken dich, rammen ihre Flagge in dein Sediment und behaupten hinterher, du seist schon immer ihrer gewesen. Ein richtiger Seemann geht keine Bindungen ein. Er hat sein Herz bereits an die See verloren.»

Randolph nickte ehrfürchtig. Damals hielt er Heinrich für den weisesten Mann der Welt.

«Die zweite betrifft Gesundheit und Verhütung.» Randolph schluckte.

«Hüte dich vor Tigern, schütze dich mit langer Kleidung vor Malaria und lass dir niemals ein Kind andrehen.»
Randolphs Augen weiteten sich. Er nahm einen großen Schluck Grog und verzog das Gesicht, als er die Schärfe im Gaumen spürte.

«Gibt es auch noch eine dritte Regel?»

«Oh ja! Die dritte Regel ist sogar die allerwichtigste.» Heinrich machte eine Pause. «Ein wahrer Matrose ist frei und ungebunden. Er besitzt weder Haus noch Hof.»

Randolph lächelte bei der Erinnerung an Heinrich, während er ein Feuer im Kamin entfachte. Die Holzscheite rauchten, Flammen züngelten. Er setzte sich in den Schaukelstuhl. Der Tigerkopf zu seinen Füssen blickte ihn aus glasigen Augen an. Wenn Heinrich wüsste, dass Randolph sogar Herr über Ländereien geworden war …! Er schenkte sich einen Whisky und schwenkte nachdenklich das Glas. Auf den Schiffen herrschte eine strenge Hierarchie. Doch Randolph hatte Glück und stieg rasch auf. Andere, vor allem Männer aus den Kolonien, schufteten jahrelang auf denselben Schiffen, ohne je befördert zu werden. In den Anfangszeiten hatte sich Randolph einen Ruf als geschickter Bart- und Haareschneider erworben. Irgendjemand musste es tun, wenn ein Schiff monatelang unterwegs war. Die halbe Besatzung saß irgendwann auf einem umgedrehten Fass bei ihm im improvisierten «Salon». Bezahlt wurde mit Zigaretten, Rum oder Süßem. Auf See, in der Gemeinschaft, fühlte sich Randolph sicher und selbstbewusst, doch die Landaufenthalte förderten seine Unsicherheiten zutage. Er bekam Frauen ab, wenn auch nicht so viele, wie er gewollt hätte. Er wusste genau, woran das lag: Schließlich war er weder besonders witzig noch besonders klug noch besonders gutaussehend. Auf den Fahrten nach Indien lief die Franz Ferdinand regelmäßig Goa an. Randolph mochte den Ort: Die Menschen waren freundlich und niemand schien es eilig zu haben. Er hätte es nie zugegeben, aber im Grunde sehnte er sich nach einem Platz auf der Welt, wo er die Strassennamen kannte und ihm die Gesichter der Menschen vertraut vorkamen.

Wenn die Franz Ferdinand auf Reede lag, stieg Randolph gelegentlich in vornehmen Hotels ab. Die livrierten Kellner und die Wohlgerüche gaben ihm immer das Gefühl, zwei Zentimeter über dem Boden zu schweben. Ganze Nachmittage konnte er damit zubringen, in der Lobby zu sitzen, Kaffee zu trinken und Zeitung zu lesen. Und abends nach dem Eindunkeln wechselte er nahtlos über in die Bar. Er sprach den Barkeeper schon nach einer halben Stunde beim Vornamen an, kannte die Namen seiner Kinder und wusste um den Zustand seiner Ehe. Wildfremden Menschen spendierte er Drinks, als wären sie alte Freunde. So war es auch an jenem Abend gewesen, als Elaine in sein Leben trat.

Die dunkelhaarige Schönheit war ihm sofort aufgefallen, wie sie an einem der Tische saß. Sie drehte ihr Glas langsam zwischen den Fingern und schaute hinaus in den Garten. Es schien ihr nichts auszumachen, allein dazusitzen.  Randolph hatte bereits ordentlich getrunken und befand sich in jenem gefährlichen Zustand, in dem er, selbst wenn er sich anstrengte, nicht mehr genau sagen konnte, in welcher Stadt er sich gerade befand. Hongkong, Singapur oder war es doch Bombay gewesen? Die Schönheit dieser Asiatin betörte ihn, sodass er auf der Stelle nüchtern wurde. Er gab sich innerlich einen Schubser und näherte sich der zierlichen Frau. Irgendwie gelang es ihm, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Elaine lachte viel, und Randolph begann zu schwitzen. Ob sie ihn wohl auf den Arm nahm? Er bezahlte ihr Cocktail um Cocktail. So zum Affen hatte er sich schon lange nicht mehr gemacht für eine Frau! Doch die Unbekümmertheit, die sie ausstrahlte, machte sie für Randolph nur noch begehrenswerter. Sein Jagdinstinkt war geweckt.

Irgendwann landeten sie auf dem Hotelzimmer und fingen an, sich zu küssen. Zuerst zärtlich und dann immer leidenschaftlicher. Die Lippen der Asiatin schmeckten nach Erdnüsschen und Mandarinen, eine ganz eigenartige Kombination. Elaine war eine ausdauernde Liebhaberin. Sie umschloss seine Härte mit ihrem Mund und ließ ihre Zungenspitze kreisen, nur um kurz vor dem Höhepunkt von ihm abzulassen. Einmal. Zweimal. Zehnmal. Randolph war wie von Sinnen. Der Genuss dauerte die ganze Nacht und ergoss sich irgendwann gegen Morgengrauen in einen ekstatischen Höhepunkt. Randolph hatte nie ganz verstanden, warum die Natur es so angelegt hatte, dass der Höhepunkt gleichzeitig auch immer der Schlusspunkt war.

Im fahlen Licht des anbrechenden Tages sah Elaine kein bisschen weniger bezaubernd aus. Geschmeidig stand sie auf, zwirbelte sich die Haare zu einem Dutt und ging ins Badezimmer. Randolph fläzte im Bett, die Arme am Hinterkopf verschränkt, und wartete belämmert und selig darauf, dass sie zu ihm ins Bett zurückkehrte. Inzwischen war ihm auch wieder eingefallen, dass er sich in Singapur befand.

«Ich muss heute nochmals zum Markt», sagte sie, als sie mit kurzen Hosen und einem Träger-T-Shirt aus dem Badezimmer kam. «Ich habe gestern länger mit einer älteren Frau gesprochen, die dort Kartoffeln verkauft. Sie ist jeden Morgen vor Sonnenaufgang auf dem Markt. Heute möchte ich noch einmal zu ihr.» Sie legte sich wieder zu ihm ins Bett und schmiegte sich an seine Schulter, als wäre es das Natürlichste der Welt. Randolph betrachtete die feinen Linien ihres Nackens, die durch den hochgesteckten Dutt noch stärker hervortraten. Eben hatte sie von einer Marktverkäuferin gesprochen, während er noch darüber nachgedacht hatte, in welcher Stadt sie überhaupt waren. Er musste lächeln. In diesem Moment wusste er, dass diese Frau ihre Flagge in sein Sediment gerammt hatte. Auf einen Schlag war sein Vorsatz, Junggeselle zu bleiben, dahin.

Eine tiefe Stille hatte sich über das Anwesen gesenkt, an den Wänden bildeten sich lange Schatten. Das Heulen der Schakale war jetzt noch lauter zu hören.

«Was möchtest du zum Abendessen?», rief Elaine aus der Küche. «Ich habe ja ewig nicht mehr gekocht.»

«Ich habe keinen Hunger», brummte Randolph und schenkte sich an der Hausbar Whisky nach. Dabei stolperte er über das Tigerfell. Früher hatte jeder Besucher gefragt, wie er zu diesem Fell gekommen war. Doch es war Monate her, dass sie Besuch gehabt hatten. Er konnte es immer noch nicht fassen, dass er in regnerischen Winternächten nie mit seinen Enkeln um dieses Kaminfeuer sitzen und ihnen all die verrückten Geschichten seines Lebens erzählen würde. «Jaguar», krächzte Lady Montgomery, bevor sie sich in eine Ecke zurückzog und zufrieden gurrte.  

Plötzlich ging das Licht an, Elaine stürzte in den Salon. Randolph richtete sich schlaftrunken im Sessel auf. Er musste kurz eingenickt sein. Sie hielt ihm ein Papier dicht unter die Nase. «Wir werden obdachlos? Und du hast nicht mal den Anstand, mir das zu sagen?»

Lady Montgomery war aufgewacht und kreischte schrill.

«Ich wusste nicht, wie ich es dir sagen soll», verteidigte er sich. «Der Kikuyu-Clan kann nachweisen, dass sie die rechtmäßigen Besitzer sind. Irgendein Hokuspokus. Und seit dem Regierungswechsel ist es nicht mehr wie früher. Der Wind hat gedreht, stellt sich gegen uns.»
«Randolph!», sagte Elaine und tätschelte ihm unsanft auf die Wangen, damit er nüchtern wurde. «Du bist doch Matrose! Was hast du auf hoher See getan, wenn ein kräftiger Gegenwind aufkam?»
Randolph zuckte mit den Achseln. «Ich ging unter Deck und wartete, bis er vorüber war.» Elaine sah ihn lange an, dann nickte sie leicht.

«Genau. Das tust du immer.»

Randolph folgte ihr ins Schlafzimmer. Sie öffnete die Schranktür, zog einige Kleider heraus und stapelte sie auf dem Bett.  

«Was machst du da?», fragte er entgeistert.

«Ich gehe.»
«Aber honey …» Randolph begann zu schwitzen. Jetzt nur nicht in Panik geraten, dachte er bei sich. «Wo willst du denn hin, um diese Uhrzeit?»
«Irungu fährt mich nach Nairobi. Von dort nehme ich das Flugzeug nach Singapur. Es geht um ein Uhr morgens.»

Elaine zog am Reißverschluss ihrer Tasche. Ihre Hand zitterte leicht. Sie wandte sich zur Treppe. Randolph folgte ihr. «Lass uns reden! Wir finden sicher einen Weg.»
Sie drehte sich zu ihm, seufzte. «Ich vermisse es, morgens einfach aus der Tür zu gehen und unter Leuten zu sein.» Sie blinzelte und wischte sich mit der Handkante eine Träne aus dem Augenwinkel. «Ich habe Heimweh – schon lange.» Sie schniefte. «Außerdem habe ich immer gedacht, eines Tages bewegst du dich.»

Sie richtete ihm den Hemdkragen und küsste ihn auf die Wange. «Halt die Ohren steif,Jaguar.»

Beim Hinausgehen strich sie Lady Montgomery über das Gefieder. Dann war sie weg.

Randolph wankte zur Bar und genehmigte sich einen Doppelten. Er stieß derbe Schimpfwörter aus, in allen Sprachen, auf die er fluchen konnte – und das waren nicht wenige. Eine Welle der Wut schwappte über ihm zusammen, als er den Eisbehälter öffnete. Nicht einmal die Eiswürfel hatte Irungu nachgefüllt, bevor er sich als Fluchthelfer für seine Frau hatte einspannen lassen! Er hätte diesen Bengel nie einstellen dürfen. Er stürzte den Whisky in einem Zug herunter. Lady Montgomery ging aufgeregt hin und her und kreischte schrill. «Sei still du blöder Vogel!», herrschte Randolph sie an. Eine Träne bahnte sich lautlos einen Weg über seine Wangen. Er ging zurück ins Schlafzimmer. Die weißen Bettlaken waren zerwühlt, Elaines Seidenkleid lag mitten auf dem Boden. Der Raum duftete immer noch nach ihrem Parfum.

Spulte sich sein Leben gerade rückwärts ab?

Er ließ sich auf die Matratze fallen und begann hemmungslos zu weinen, sodass seine Schultern bebten.

«Auuuu …»

Ein zweites Heulen antwortete, dann ein drittes.

Randolph fuhr hoch. Er musste vor lauter Erschöpfung eingeschlafen sein.

Für einen Moment war er überzeugt, die Schakale hätten den Zaun überwunden. Er wankte zum Fenster, schob den Vorhang zur Seite. Der dunkle Rasen, ein dünner Suppenschüsselmond am Himmel. Sonst nichts. In der Dunkelheit tastete er sich zur Haustür. Als er sich den Fuß stieß, unterdrückte er einen Fluch. Licht anzumachen, wagte er nicht.

Langsam drehte er den Knauf, zog die Tür auf. Horchte. Stille. Dann tapste auf den Gehweg hinaus. Lady Montgomery krächzte: «Jaguar!» Randolph drehte sich um, als der Papagei ein paarmal kräftig mit den Flügeln schlug und auf seiner Schulter landete. Er schwankte kurz. Randolph hob automatisch den Arm, damit Lady Montgomery das Gleichgewicht fand. «Na schön», sagte er leise. «Dann eben wir zwei.» Der Kies knirschte unter seinen Füssen, als sie gemeinsam das Anwesen verließen, ohne einmal zurückzuschauen.

Epilog

Der gelb-grüne Papagei in der Ecke des kleinen Barbiergeschäfts lief nervös auf seinem Gestänge hin und her und krächzte immer wieder den gleichen englischen Namen. Es hörte sich an wie «Lane.»

«Halt den Schnabel, Lady Montgomery!» Ein Mann mit gepflegten silbergrauen Haaren bis unters Kinn stutzte gerade einem Kunden den Bart. Der Duft von Seifenlauge lag in der Luft. Vor Weihnachten herrschte in Goa Hochbetrieb. Ein kleiner Junge mit einer neuen frechen Strubbelfrisur schwang sich gerade auf sein Fahrrad, zufrieden grinsend. «Sie haben aber einen schönen Weihnachtsbaum hier im Laden», bemerkte eine Kundin anerkennend, die unter der Trockenhaube eine Zigarette rauchte. Der Mann lächelte nur und griff wieder zur Schere.

«Randy the Barber», stand in bunten Lettern an der Fassade des kleinen Geschäfts.

Das Bücherschiff

(In: «Dreiundsechzig», Kameru Verlag)


Andrea setzte den Stift an und schrieb: «Rotmantelfrau sucht Lederjackenmann.» Sie legte den Kopf schief und schaute durch das Fenster des Café Cairo auf die winterliche Berner Altstadt hinaus. Die eng ineinander verschachtelten Häuser gefielen ihr. Wie sehr liebte sie diese Stadt! Leise sprach sie die Worte vor sich hin: «Rotmantelfrau sucht Lederjackenmann.» Sie schaute auf die Uhr. Ihre Mittagspause war fast vorüber, sie musste aufs Bücherschiff zurück. Sie schlüpfte in den roten Mantel, ihre Absätze klapperten auf dem Kopfsteinpflaster, als sie die schmale Gasse zur Anlegestelle hinuntereilte. Die alte Barke lag ruhig auf der winterlichen Aare. Sie liebte diesen eigenartigen Geruch, wenn sie den Bauch des Schiffes betrat; eine Mischung aus Staub, Motorenöl, Lack, Leim und Papier. Das Schiff war Teil eines Leseförderprojekts der Berner Bibliotheken. Jeden Mittwochnachmittag hatte Andrea Primarschüler zu Gast; kleine Piratinnen und Piraten, die mit Augenbinden und Schnurrbärten durch die Gänge stürmten und später beim Vorlesen mucksmäuschenstill an ihren Lippen hingen.

Als sie daheim die Haustür öffnete, kam ihr laute Musik entgegen. Lisa, ihre Mitbewohnerin, kochte gerade und hörte dabei laut Musik. «Möchtest du auch mitessen?», rief sie Andrea aus der Küche zu. Während des Essens kamen sie auf Andreas Lederjacken-Projekt zu sprechen. 
«Lass mich hören, was du bis jetzt geschrieben hast», drängte Lisa. Andrea wollte vor ihrer Mitbewohnerin nicht als Mauerblümchen dastehen. Doch Lisa gab keine Ruhe, bis Andrea die Notiz herausrückte. Ein Lächeln umspielte Lisas Lippen, als sie las: Rotmantelfrau sucht Lederjackenmann. Verträumte, eigenwillige Rotmantelfrau sucht liebevollen, verrückten Lederjackenmann zum Pferdestehlen! Lisa schaute Andrea zweifelnd an. 
«Also erstens zieht man mit einem Feministinnenmantel keine Männer an. Und zweitens: Was heisst hier Lederjacke. Es gibt so viele verschiedene, schwarze, braune oder dunkelgraue, das ist ein riesiges Spektrum. Rocker tragen Lederjacken, Punks, Goths, Metaller … Willst du etwa einen Metaller als Freund?»
Andrea zog eine zerknirschte Grimasse. Daran hatte sie wirklich nicht gedacht.
«Du mit deiner altersschwachen Arche. Komm lieber am Freitag mit mir zu dieser Party ins Metro.» Nachdem Lisa in ihrem Zimmer verschwunden war, spülte Andrea das Geschirr. Es war schwierig zu erklären, aber in einem knallroten Mantel fühlte sie sich lebensvoll und witzig, stark und selbstbewusst. Lisa behauptete, Männer fühlten sich von einer allzu selbstbewussten Frau bedroht. Aber für Andrea war der rote Mantel eine Art Zaubermantel, der all die schlechten Energien von ihr fern hielt.

«Ich suche einen Assistenten, der mir hilft, die Bücher, die zurückgekommen sind, wieder in die Regale zu räumen», erklärte sie dem jungen Mann, der ihr am nächsten Tag im Bücherschiff gegenüber sass. Er war ihr vom Arbeitsamt empfohlen worden. «Trauen Sie sich das zu?» Der junge Mann mit dem gelockten Haar nickte. Er trug eine Wolljacke und machte einen sehr zurückhaltenden Eindruck.Andrea entschied, Momo einzustellen. Ein Energiebündel hätte sie auf dem Bücherschiff nicht brauchen können. Dass Momo eine gute Wahl gewesen war, zeigte sich bereits am Nachmittag. Er begriff rasch und verrichtete in Ruhe seine Arbeit. «Woher aus Ägypten kommen Sie eigentlich, Momo?», fragte Andrea.«Aus Luxor. Das Haus meiner Eltern liegt direkt am Nil.»
Darüber hätte Andrea gern mehr erfahren. «Kommen Sie auch noch rasch ins Café Cairo?», fragte sie, als sie gegen halb sieben das Bücherschiff zusperrten. Doch Momo schüttelte den Kopf. «Ich muss noch beim Arbeitsamt vorbei», erklärte er kurz angebunden. Sie schaute ihm nach, wie er davonging. «So ein schüchterner Typ», dachte sie.
In dieser Nacht fand sie kaum Schlaf. Als sie dann endlich in einen unruhigen Schlummer fiel, träumte sie von einer hölzernen Feluke und von Dorfbewohnern, die am Fluss ihre Kleider wuschen.Am nächsten Tag war sie früher im Bücherschiff als sonst. Momo kam erst später und sie wollte die ruhigen Morgenstunden nutzen, um in Ruhe nachzudenken. In der Nacht war ihr eine Idee gekommen. Als Momo gegen zehn eintraf, fragte sie ihn: «Wie wär‘s, wenn Sie mir bei einem Recherche-Kurs für Jugendliche helfen würden? Sie sind der Experte und die Jugendlichen müssen Ihnen Fragen über das Leben in Ägypten stellen.»
«Das würde ich sehr gern machen.»
«Perfekt! Ich freue mich.» Spontan gab Andrea ihm die Hand. Zum ersten Mal fiel ihr sein angenehm fester Händedruck auf. «Nennen Sie mich doch Andrea», schlug sie vor. «Wir müssten noch die Einzelheiten besprechen», fuhr sie fort. Momo zögerte einen Moment, dann sagte er: «Darf ich dich heute Mittag zu einem kleinen Lunch einladen? Ich koche etwas Ägyptisches.» Andrea wusste nicht, ob das professionell war, aber ihre Neugierde war stärker und sie sagte zu. Sie räumte auf und rückte ein paar Stühle zurecht, dann machte sie sich auf den Weg, den Momo ihr beschrieben hatte. Sie klingelte an der Haustür, es summte und die Tür gab nach. Die Wohnungstür im dritten Stock war nur angelehnt. Sie klopfte kurz und trat ein. Der Geruch von Essen stieg ihr in die Nase. Doch da war noch etwas anderes. Es war ein fremder und doch so bekannter Geruch, sie erkannte ihn nicht gleich. Dann huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Es war der Geruch von Leder. An der Garderobe hing eine Lederjacke.

Geräucherte Rentierherzen

(In: «Der Sklave der Wikingerin», Vidal Verlag)

Schnee erhellt die Landschaft, in der stillen Ödnis des klirrend kalten Wintermorgens lässt sich schemenhaft eine Reihe verschneiter Nordmannstannen erkennen. Kahle Äste ragen in den Himmel, um die Wipfel kreisen Raben und krächzen. Hendrik steht am Strassenrand, den Kragen seiner dicken Daunenjacke hochgezogen bis zum Kinn. Er hat Glück. Schon nach wenigen Minuten hält ein Auto. Mit klammen Fingern öffnet er die Beifahrertür und späht ins Innere des rostroten Gebrauchtwagens.

«Hallo», begrüsst er die Lenkerin, «dürfte ich mitfahren? Ich muss in die Stadt.» «Na klar, hüpf rein, ist ja auch eine Schweinekälte da draussen», erklingt eine weibliche Stimme aus dem Innenraum. Hendrik lässt sich auf den Beifahrersitz gleiten, behutsam zieht er die Beifahrertür zu, verstaut seine geröteten Finger sofort im Jackenärmel.
«Hast wohl deine Handschuhe zu Hause vergessen?», bemerkt die Fremde. Hendrik hebt den Kopf und schaut in ein offenes Gesicht. Am Hinterkopf werden die dunklen Haare von einem goldgelben Tuch zusammengehalten. Ihre blasse Haut mit den Sommersprossen und die wässrig-blauen Augen sehen sehr nordisch aus. Er schätzt sie auf Mitte dreissig.
«Mmm-mm», sagt er unbestimmt, reibt die Handflächen aneinander. Die Fahrerin dreht den Schalter der Heizung voll auf, Hendrik spürt, wie die Wärme in seine Glieder zurückkehrt.
«Möchtest du eine Tasse Kaffee?» Die Autofahrerin deutet mit dem Kinn zu einer grossen Thermosflasche, die zwischen den beiden Sitzen thront. Sie trägt wollene Pulswärmer an den Handgelenken. «Im Handschuhfach gibt es Tassen. Du kannst mir auch gleich eine eingiessen.»
Hendrik schaut sie überrascht an, beugt sich dann vor, öffnet umständlich das Fach, wo mehrere Keramiktassen sauber geputzt auf ihre Verwendung warten. Er nimmt eine grüne Tasse mit einem Smiley heraus, führt sie unter die Kanne, drückt darauf, ein Strahl schwarze Flüssigkeit schiesst heraus. Dankbar nimmt die Frau die dampfende Tasse entgegen, nimmt den ersten Schluck.
«Das weckt meine Lebensgeister. Nimm dir auch einen.»
«Danke, ich trinke lieber Tee.» Er dreht den Kopf zum Fenster, draussen gleitet der Wald vorbei.
«Wohnst du hier in der Nähe?», bricht die Fremde die Stille.
Hendrik wendet sich ihr nur halb zu, als er sagt: «Hundert Meter von dem Ort, wo du mich mitgenommen hast.»
«U-u-u, das ist aber ganz schön abgelegen.»
Hendrik zuckt die Schultern.
«Lässt du dich jeden Tag von jemandem mitnehmen?»
Hendrik schaut aus dem Fenster.
«Nur wenn ich den Bus verpasse.» Nach einer kleinen Pause fügt er hinzu: «Zum Leidwesen meines Bosses passiert das in letzter Zeit fast jeden Tag.»
«Ich wette, nicht alle Norweger sind solche Plappermäuler wie ich.»
Er deutet ein Lächeln an. «Die meisten sind recht schweigsam.»

Draussen wird es heller, in der Ferne schimmern die ersten Lichter der Stadt. «Ich würde den Bus auch dauernd verpassen. Deshalb habe ich ein eigenes Auto, auch wenn es nur eine Schrottkarre ist.» Sie tätschelt auf das Lenkrad ihres Golfs. «Wenn ich nur zwei Minuten zu spät komme, gehen meine Schüler wieder nach Hause. Da kennen sie kein Pardon.»
Erst jetzt fällt Hendrik auf, dass sich auf der Rückbank Hefte stapeln.
«Sie sind sicher eine gute Lehrerin», entfährt es ihm.
Sie lächelt. «Vor allem, wenn ich vergesse, Tests zu machen, weil ich so chaotisch bin. Das mögen meine Schüler ganz besonders an mir.» Sie schaut ihn an, bricht in Gelächter aus. «Ich heisse übrigens Jorun.» Sie schaut ihn auffordernd an, dann heftet sie ihren Blick wieder auf die Strasse.
«Und dein Name?»
«Oh, entschuldige, ich heisse Hendrik.»
«Hendrik, magst du Musik?» Er nickt. «Ich bin Bassistin in einer Viking Metal-Band. Am Samstag ist unsere CD-Taufe in der alten Scheune.» Am ersten Rotlicht am Stadtrand bringt sie das Auto zum Stehen, greift nach hinten in ihre Tasche und drückt ihm einen Flyer in die Hand.
«Die Tochter der Wikinger», liest Hendrik. «Ein eigenartiger Bandname.»
«Und wie. Und ich garantiere dir: Genauso eigenartig ist unsere Musik.»
Er deutet auf eine Werkstatt, in der ein schwaches Licht brennt.
«Du kannst mich gleich dort vorne absetzen.»
«Ich habe mir schon gedacht, dass du etwas mit den Händen arbeitest. Schreiner?»
«Metallbauschlosser», erwidert Hendrik und starrt nach unten.
«Dann musst du erst recht kommen», lacht Jorun auf. Verdutzt schaut er auf.
«Na ja, Viking Metal, Metallbauschlosser … das passt doch.»
«Der Beruf ist nicht gerade meine Passion. Aber mal sehen. Auf jeden Fall vielen Dank fürs Mitnehmen.»
«Keine Ursache.» Er öffnet die Autotür.
«Du kannst auch spontan entscheiden wegen Samstag», sagt sie und kurz, bevor sich die Tür schliesst, hört er sie noch sagen: «Ich lasse dich auf die Gästeliste setzen.»

Vor der alten Scheune brennen Fackeln. Hendrik ist froh, dass nur eine Handvoll Leute beim Eingang steht.
«Hi. Mein Name ist Hendrik. Ich bin auf der Gästeliste», sagt er leise.
Der freundliche Mann überfliegt das Papier, das er vor sich liegen hat.
«Ach ja, hier. Gefunden. Du bist ein Freund der Wikingerin. Sie ist noch mit Magnus an der Bar. Geh doch rüber, sie freut sich sicher.» Er wedelt mit der Hand in die Richtung, aus der die Musik kommt. Hendrik bedankt sich und tritt in die wohltuende Dunkelheit. Er erkennt Jorun nicht gleich auf Anhieb, sie trägt ein Tank Top aus Leder und einen Rock, dazu Fellstiefel, quer über die obere Hälfte der Wange hat sie sich zwei dunkle Streifen gemalt. Sie und Magnus sitzen sich sehr nah. Hendrik will kehrtmachen, doch Jorun hat ihn schon gesehen.
«Hey, Hendrik, du bist also doch gekommen!» Sie umschlingt ihn mit ihren nackten Armen, Hendrik errötet.
«Darf ich dir Magnus vorstellen, der Sänger der Band und mein Freund.» Magnus drückt Hendrik an seinen verstaubten Fellumhang, sodass Hendrik husten muss. «Oh, entschuldige», sagt der Waldschrat, seine warmen braunen Augen strahlen Gutmütigkeit aus. «Ich wollte dich nicht ersticken.» Beide müssen lachen.
«Bist du noch rechtzeitig gekommen?», fragt Jorun. «Ich habe ihn am Mittwoch nach Narvik mitgenommen», erklärt sie, an Magnus gewandt.
«Ja, ging alles gut, danke nochmal. Und vielen Dank für die Einladung.»
«Hendriks Chef ist ein bisschen schwierig», informiert Jorun.
«Na ja, eigentlich ist mehr der Beruf das Problem und nicht der Chef. Das Material, mit dem ich arbeite, ist hart, es fühlt sich tot an unter meinen Händen.
«Arbeite doch mit Holz», schlägt Magnus vor.
«Magnus hat seine Küche selbst gezimmert.» Jorun schaut zu ihm auf und berührt mit der Hand seine Schulter. «Die sieht total schön aus. Und das Beste ist, dass er jeden Sonntag in seinem selbst gebauten Ofen Rentierherzen für mich räuchert.»
Magnus zuckt schuldbewusst die Schultern und sagt zu Magnus:
«Tja, ich bin ihr eben verfallen. Man nennt mich auch der Sklave der Wikingerin.»
«Eins, zwei, drei», klingt es von der Bühne herüber.
«Soundcheck», sagt Jorun. «Wir müssen.» Die beiden wenden sich zum Gehen.
Hendrik schaut ihnen nach, in ihren auffälligen Kostümen, wie sie sich an den Händen halten und Richtung Bühne tänzeln, leicht und unbeschwert, und trotzdem irgendwie angekommen im Leben.
«Geräucherte Rentierherzen», murmelt Hendrik, schüttelt den Kopf und lächelt leise in sich hinein.

Erschienen in: Der Sklave der Wikingerin. Kurzgeschichten aus der Schweiz. Fatima Vidal (Hrsg.), 2018

Lebensabschnittsmöbel

Gegenstände können auf vortreffliche Weise einen bestimmten Lebensabschnitt symbolisieren. Mit achtzehn ist es oftmals das erste eigene Auto: Es drückt die neu gewonnene Unabhängigkeit aus, es steht für Aufbruch. Das erste eigene Auto bedeutet: Ich ziehe los, um die Welt zu erkunden. Jeder neue Lebensabschnitt weckt in dieser Hinsicht wieder neue Begehrlichkeiten.
So träumen die Amazonen und ich von einer freistehenden Badewanne mit Löwenfüsschen. Das wär’s! Die Römerin gibt jedoch zu Bedenken, dass wir uns definitiv noch nicht in dieser Lebensphase befinden. Eine freistehende Badewanne mit Löwenfüsschen, das klingt nach grossen Wohnräumen mit hohen Decken und grossen Fenstern; es klingt ein bisschen nach Künstlerdasein, auch nach Yuppie-Style. Doch niemand von uns hat sich schon so weit emporgearbeitet, dass wir nur im Entferntesten an so ein mondänes Leben denken könnten.
Die Römerin zum Beispiel steckt momentan in der Lebensabschnittsphase «Bettsofa». Sie bewohnt ein Studio, und da sie oft künstlerisch tätig ist und den Boden benutzt, um zu arbeiten, würde ein Bett zu viel Platz versperren. Ein Bettsofa kann sie schnell aus-ziehen und am Morgen nach dem Aufstehen wieder wegräumen. Ein Bettsofa-Besitzer hat sich zwar noch nicht richtig im Leben eingerichtet, hat sich aber dafür entschieden, seinen Träumen Raum zu geben. Einen Schritt weiter ist Lockenkopf. Sie ist gerade mit ihrem Freund in eine Altbauwohnung gezogen – die Betonung liegt auf Altbau. Denn es gibt Stimmen, die beharrlich behaupten, ihre Wohnung sei gar keine Altbauwohnung. Lockenkopf hat sich wohl ein bisschen in die Vorstellung vernarrt, in einer coolen, alternativ angehauchten Altbauwohnung zu leben. Wohl deshalb hat sie sich bei nächster Gelegenheit bei der Verwaltung erkundigt, was denn eigentlich die typischen Merkmale für eine Altbauwohnung sind…
Immerhin wohnen wir alle noch zu Miete. Spätestens wenn wir anfangen, uns nach Landparzellen umzusehen, die wir bebauen können, sind wir definitiv im Begriff, in eine nächste Lebensphase überzutreten. Doch vorher kommt ja noch die Phase mit der freistehenden Badewanne und den Löwenfüsschen. Die möchte ich auf keinen Fall verpassen.

Schafft den Sonntag ab

«Für Singles ist der Sonntag einfach der beschissenste Tag der ganzen Woche!» Das kam so ehrlich und aufrichtig aus dem Mund von Kaktusblüte, dass mich sogleich das Bedürfnis überkam, mich demütig vor ihr niederzuknien und sie gleichzeitig stürmisch zu umarmen. Mit diesem Satz spricht sie mir und Millionen von anderen Singles rund um den Erdball aus tiefstem Herzen. Am Sonntag hat man sich als Single gefälligst selbst zu genügen, denn Sonntag ist Familientag. «Normale» Leute verbringen den Sonntag mit dem Partner und – falls vorhanden – den Kindern. Der Sonntag ist der Familienpicknick-Tag, der Connyland-Ausflugtag oder der Im-Bett-bleiben-lesen-und-vögeln-Tag. Es gibt nur wenig, was sich in der globalisierten Welt an traditionellen Werten halten konnte, der Sonntagsbratenschmaus mit anschliessendem Spaziergang hat den Sprung in die Moderne leider geschafft.
Ich möchte nicht wissen, wie viele Singles sich am Sonntag im Fitnesszentrum auf den Geräten abstrampeln, nur um gegen die Leere anzukämpfen, die sich in ihrem Innern breit macht, ihnen den Hals zuschnürt und ihnen das Herz schwer werden lässt. So ein leerer Sonntagnachmittag kann zentnerschwer auf einem liegen, so viel kann ich rübermorsen von meinem beziehungslosen Planeten. Am Tag der Gemeinschaft auf sich gestellt zu sein, steigert die gefühlte Einsamkeit – und, je nach vorüberziehendem Tiefdruckgebiet – auch die Verzweiflung.

Und was ist das Erste, was wir gutmütigen Single-Freundinnen intuitiv tun, wenn eine unserer Freundinnen verlassen wird? Wir sorgen für die Sonntagnachmittagsunterhaltung. Wir laden zum Kaffee, ins Kino oder ins Museum. Weil Liebeskummer und das Sonntagsgefühl sich schlecht vertragen. Schonen, schonen, schonen ist jetzt oberstes Gebot, die Freundin soll keinesfalls diesem klammen Gefühl ausgesetzt sein, das für uns zum Alltag gehört. Wenn wir ehrlich sind, geniessen wir die unerwartete sonntägliche Gemeinschaft. Obschon der Nachgeschmack etwas schal ist im Abgang. Denn wir wissen genau, dass wir nur die Lückenbüsser sind. Sollte sich das ganze Trennungsdesaster bei Lichte betrachtet doch nicht als ganz so tragisch erweisen, sitzen wir bereits nächsten Sonntag wieder ohne Begleitung im Café. Doch dieses Risiko gehen wir ein. Schliesslich haben wir nichts zu verlieren. Ausser einem weiteren dumpfen Sonntagnachmittag.

Der Killerblick

Neulich im improvisierten Fotostudio: Eine Freundin fotografiert mich für den Lebenslauf. Auf einem der Bilder habe ich meine Fransen nach hinten gesteckt, was so wirkt, als würde ich die Haube einer Ordensschwester tragen. «Mit diesem Foto könntest du dich glatt fürs Kloster bewerben!», sagt meine Freundin und wir lachen. Dann gibt es noch die Fotos mit Blazer, wo ich aussehe wie der Werbebroschüre einer Grossbank entsprungen. Eigentlich hätten wir das gerne weitergeführt – das ganze Spektrum von der Heiligen bis zur Hure. Auf Bewerbungsfotos soll man lächeln, aber ja nicht zu stark, weil das wieder unprofessionell wirkt. Brav und strebsam soll man aussehen. Und dabei auch noch sympathisch wirken. Mir schwirrt der Kopf. Hilfe, ich brauche Schauspielunterricht! Und beim Bewerbungsgespräch werden wir dann trotzdem wieder angehalten, authentisch zu sein. Ein Gedanke frustriert mich besonders: Lange Jahre habe ich damit zugebracht, herauszufinden, wer ich wirklich bin, nur um es in einem Bewerbungs-Kontext tunlichst wieder verschweigen zu müssen. Dabei sucht jedes Unternehmen Persönlichkeiten. Persönlichkeiten ganz ohne Ecken und Kanten, aalglatt und debil lächelnd wie auf dem Bewerbungsfoto. Ich bin keine Hure und keine Heilige, ich bin ein Mensch mit Einfühlungsvermögen, der den Anspruch hat, einen interessanten Job zu finden. Wie viele andere auch. Aber ein Ass im Ärmel habe ich noch: Auf einem der Nonnen-Fotos habe ich den absoluten Killer-Blick. Der jagt sogar mit Angst ein. Und den HR-Leuten hoffentlich auch.

Ein Recht auf Liebestöter

Bridget Jones, die liebenswürdig-tapsige Katastrophen-Frau, hat den Begriff salonfähig gemacht: Liebestöter. Ein Liebestöter ist eine überdimensional grosse Unterhose, unmöglich in Schnitt und Farbe, die unter mysteriösen Umständen in die eigene Wäschekollektion geraten ist und darin eigentlich überhaupt keine Existenzberechtigung hat. Sie fällt völlig aus dem Rahmen, tummelt sich hässlich und munter zwischen den Cadillacs ihrer Gattung. Die Eremitin hat dafür den schönen Begriff «Gammler» geprägt. Fast jede Frau hat irgendwo so einen Liebestöter herumliegen, wenn sie nur tief genug in der Kommode gräbt.
Peinlich wird es erst dann, wenn unsere Liebestöter Blicken ausgesetzt sind, für die sie nie bestimmt waren. Einmal geriet der Gammler einer Freundin in die Schmutzwäsche der Männer-WG ihres damaligen Freundes. Einen Vollwaschgang später sah sein Kumpel den Liebestöter in seiner ganzen Pracht an der Wäscheleine hängen und konnte sich einen abschätzigen Kommentar nicht verkneifen. Ihr Freund nahm das unappetitliche Textil seiner Freundin in Schutz, indem er sagte: «Das ist eben ihre Mens-Unterhose».
Unterhosen, die frau nur während ihrer Tage trägt? Woher er das wohl hatte? Die Amazonen waren sich für einmal alle einig: Auch wir wünschen uns einen Mann, der unsere Liebestöter vor seinen Kumpels in Schutz nimmt und sogar dann noch schmeichelnde Worte für uns findet, wenn wir in dieselben gehüllt vor ihm stehen. Denn Liebestöter sind vor allem eins: Der eindrückliche Beweis dafür, dass wir uns selbst nicht allzu wichtig nehmen. Bridget Jones würde mir beipflichten.

Die Tattoo-Brüderschaft

Neulich sitzen die Amazonen und ich in der Kneipe, als wir mit vier Männern um die Zwanzig ins Gespräch kommen. Eine ganz alltägliche Situation. Was in der Folge passiert, ist allerdings nicht mehr ganz so alltäglich. Wer hätte gedacht, dass auf unsere harmlose Frage, «Seid ihr gute Freunde?», eine dermassen eindrückliche und in der Tat «handfeste» Antwort folgen würde. Wir staunen nämlich nicht schlecht, als die jungen Männer wie auf Kommando den Gürtel ihrer Jeans lockern, Knopf und Reissverschluss öffnen, sich umdrehen und uns ihre nackten Pos auf dem Präsentierteller entgegenstrecken.
Einen Moment lang sind wir sprachlos, was im Kreise der Amazonen wirklich nur in Ausnahmefällen vorkommt. Bis wir entdecken, dass auf allen entblössten Ärschen die gleiche Tätowierung prangt, haben wir unsere Sprache wieder gefunden und es kommt wie aus einem Mund: «Ist die neu?» Gekreische. «Was ist das?» Gelächter und Gekicher. Es ist eine Art chinesisches Schriftzeichen, das sie sich eben erst haben stechen lassen. Eine Tätowierung auf dem Arsch – was für ein Freundschaftsbeweis! Wir sind uns einig, dass ein tätowiertes Herz mit dem Namen des Freundes oder der Freundin lächerlich anmutet. Aber Freunde, die auf diese körperliche Art ein Leben lang aneinander erinnert werden wollen, das hat Stil!
Die Amazonen wollen den Jungs dann natürlich in nichts nachstehen und präsentieren voller Stolz ihren Freundschaftsring. Doch die Geste wirkt fad, ja die ganze Ringgeschichte wirkt plötzlich extrem langweilig und alltäglich. Schweren Herzens müssen wir diese Niederlage einstecken. Ich versuche dann zu trösten, indem ich sage: «Wir würden sowieso kein Motiv finden, das uns allen gefallen würde.» Worauf Lockenkopf wie aus der Pistole geschossen und in vollem Ernst sagt: «Ich glaube, ich würde ein Schmetterlingstattoo wollen.» Die Reaktion der anderen lässt nicht lange auf sich warten: «Ein Schmetterling? Spinnst du eigentlich?» Die durchdiskutierten Nächte, bis wir dann noch die geeignete Körperstelle auserkoren hätten, möchte ich uns doch lieber ersparen…

Lasst uns Pinguine sein!

Ach wie schön haben es werdende Pinguin-Eltern: Zuerst setzt sich die Pinguin-Dame auf das Nest mit dem Ei, während der Pinguin-Mann weite Strecken zu Fuss zurücklegt, um Nahrung für beide zu beschaffen. Die gefangenen Fische verstaut er in seinem Rachen und erbricht sie seiner Angebeteten geradewegs vor die Füsse. Nachher tauschen die Pinguin-Eltern die Rollen, das Pinguin-Männchen brütet das Ei, während die Pinguin-Dame auf die grosse Reise geht.

Karriere machen, Leute führen, viel Geld verdienen: Das machen Frauen heute fast genauso selbstverständlich wie Männer. Doch von ihren Partnern Mitverantwortung einzufordern, kann nicht allein den Frauen überlassen werden – vor allem, wenn auf struktureller Ebene immer noch so viele Ungleichheiten existieren. Schwangerschaft und Geburt sind per Naturgesetz Sache der Frau – doch auch nach der Entbindung bleibt noch genug Zeit für das Pinguin-Modell.

Ein grosser Schritt in diese Richtung wäre die Annahme der Elternzeit-Initiative, die am 15. Mai im Kanton Zürich zur Abstimmung gelangt. Sie verlangt eine Elternzeit von 36 Wochen; der Anspruch von 18 Wochen pro Elternteil wird gleichmässig unter den Eltern aufgeteilt. Warum eine Elternzeit in der Schweiz nötiger ist denn je, zeigt die neue Praxis im Scheidungsrecht: Neu haben Geschiedene nicht mehr automatisch Anrecht auf Unterhaltszahlungen, die Gerichte erkennen die Ehe nicht mehr als Vorsorgeinstitution an – was im Grundsatz völlig richtig ist. Doch in der Realität trifft es vor allem die Frauen hart, weil nach wie vor sie es sind, die beruflich zurückstecken, um mehr Betreuungsanteile bei den Kindern zu übernehmen. In Zukunft werden sie sich noch genauer überlegen müssen, ob sie ihren Job für die Familie wirklich ganz oder teilweise aufgeben.

Wann begreifen wir endlich, dass wahre Gleichstellung erst dann zur Realität wird, wenn Männer am Arbeitsplatz wegen einer Schwangerschaft genauso ausfallen könnten wie Frauen? Studien belegen: Die Elternzeit-Initiative mindert die Diskriminierung von Frauen bei Anstellungsentscheiden, Löhnen und Karrierechancen und führt zudem zu einer ausgeglichenen Arbeitsteilung im Haushalt und bei der Kinderbetreuungsarbeit. Wenn wir leben möchten wie die Pinguine, braucht es gleich lange Spiesse für Mütter und Väter. Deshalb: Sagen Sie am 15. Mai Ja zur Elternzeit-Initiative!