Die magische Nacht

Wie jedes Jahr feierten wir auch 2025 Amazonenweihnachten – und diese war magisch. Auch kosmologisch gesehen: Die Erdachse hatte ihre maximale Neigung erreicht – Wintersonnenwende. Uff. Der halbe Weg ist geschafft. Dieses Mal als Special Guest mit dabei: Jener Krieger, der anno dazumal jede unserer übermütigen Aktionen, jede Flause und jeden mental breakdown stoisch über sich ergehen liess: Lockenkopfs Angetrauter. Ihm kam in unserer Gruppe eine sehr wichtige Funktion zu. In der spirituellen Sprache würde man ihn wohl als Transportwesen bezeichnen. Er fuhr uns nämlich überall hin: Auf jedes Ska-Konzert (ja, Kinder, die verstorbene Musikrichtung unserer Generation, ich erklär’s euch ein andermal), auf jede Band-Party und jede Hippiefete hat er uns mit seinem Lövi kutschiert. Zu Beginn war er der einzige mit einem Führerschein, und so wurde sein Fahrservice ganz schnell unsere neue Normalität. Heute ist es mir allerdings ein Rätsel, wie wir uns zu fünft in den kleinen blauen Peugeot mit den aufgemalten Blumen quetschten. Natürlich war es unsere Idee gewesen, die Karosserie floral auszuschmücken. Etwas Hippiemobil muss einfach sein.
Der Krieger, der in sich ruhte
Wo immer also gerade etwas los war am Wochenende zwischen Zürich- und Bodensee: Der Krieger tauchte auf, seine fünf Chicks im Schlepptau. Aber halt, halt, halt! Nicht, dass jetzt hier noch falsche Bilder entstehen. Das hatte nichts Mackerhaftes. Dafür trugen wir eindeutig die falschen Kleider. Und Frisuren. Ausserdem hat der Krieger zwar sehr viel innere Grösse, aber rein äusserlich ist er jetzt kein Zweimetermann. Wahrscheinlich sah es es eher witzig aus, wenn wir aufkreuzten: Wie Cru und seine Mignons oder so. Denn wie die drolligen kleinen Wesen quatschten auch wir pausenlos. Egal, ob es gerade um unsere letzte Blutung, den Sextraum mit dem Lehrer oder das Kostüm für die nächste Fasnacht ging: Nichts brachte den Krieger aus der Ruhe. Ich meine, wenn ich mir den Bär in der gleichen Situation vorstelle: Der wäre RAUS, aber sowas von.
Und als wir nach dem Spaghettimampfen über früher sprachen und uns bogen vor Lachen, dachte ich plötzlich so: Warum pflegte ich meinen Männerhass eigentlich über Jahre hinweg wie ein wertvoller Bonsai – dabei hatte ich ja das beste role model direkt vor der Nase: Der Krieger, offen und interessiert am Gegenüber. Und vor allem: von Herzen grosszügig. Es rührt mich zu realisieren, wie prägend er für meine Sozialisation war. Für unsere, letztlich. Als Mensch, aber irgendwo auch als Mann. Er war ja die einzige Kontrollgruppe, die wir hatten.
Beulenauto
Was Autos angeht, sind sich Lockenkopf und der Krieger übrigens treu geblieben: Immer noch im praktischen Klappformat unterwegs. Geld geben die Eltern von Teenagertöchtern für Dinge aus, die sie als sinnvoller erachten. Das führt zu teils absurden Situationen: Letztes Jahr an den Amazonen-Weihnachten hatte Lockenkopf einen Gummihammer im Auto. Wenn wir Musik hören wollten, musste die Person auf dem Beifahrersitz mit dem Hammer auf die Abdeckung hauen, damit sich das Radio einschaltete.
Verschwiegen habe ich bisher, dass der Krieger ein richtig miserabler Autofahrer ist. Trotz der vielen Routine, die er dank uns sammeln durfte! Oder formulieren wir es so: Er ist eben auch beim Autofahren sehr relaxt. Sein neuster Coup: Eine Schleifbeule, die sich der Länge nach über den ganzen Kotflügel zieht. Und weil Lockenkopf genug davon hat, deswegen von allen Seiten blöd angemacht zu werden, hat sie mit einem fetten Edding mitten in die Beule geschrieben: «Das war nicht ich!» Es ist eben nicht immer die Frau, die Beulen macht.
Manchmal ist Lockenkopf auch etwas zu schnell unterwegs: Wie in der magischen Nacht, als sie uns zu später Stunde noch in die Stadt fuhr. Ein Blitzkasten machte einige bestimmt sehr vorteilhafte Aufnahmen von uns. Für lachhafte vierzig Franken. Ist ja geschenkt. Cheeeese!
In dieser langen und lustigen Nacht bewahrheitet sich ein Gesetz meines Lebens, für das ich sehr dankbar bin: Wenn die Amazonen in mein Leben treten, wird’s rasant.
