Skip to main content

Der Schneepenis

Ich bin ja der festen Überzeugung, dass Schnee etwas Magisches hat – muss ja so sein, schliesslich kommen die Flöckchen direkt vom Himmel. Beim Bär hingegen ruft Schnee eine akute Grummeligkeit hervor. «Als Südländer kann man es ihm ja auch nicht verübeln», meinte die Eremitin noch am Vorabend des grossen Schneefalls am Telefon. Seine liebenswerte Nonchalance – in den guten Momenten auch wunderbare Gelassenheit genannt – führte leider dazu, dass er jetzt, im Januar, den längt überfälligen Reifenwechsel noch nicht getätigt hat. Klassische südländische Vermeidung.

Jedenfalls hat es uns drei – den grossen und den kleinen Bären und mich verfotzeltes Waschweib – an einem Samstagnachmittag ins Himmelrych verschlagen. Oh ja! Warum haben Menschen, die auf dem Land wohnen, immer so schöne Adressen? Eulenweg  zum Beispiel. Römerstrasse. (Wer ist da wohl durchgerömert?) Oder Himmelrych. Das Himmelrych ist ein typisches Schweizer Einfamilienhausquartier im Kanton Aargau. Es besteht erst seit einigen Jahren, auf dem Navi des alten Autos vom Bär war es noch nicht mal eingezeichnet. Und fertig gebaut ist es auch noch nicht. Aber egal.

Jedenfalls herrschte im Himmelrych noch eine friedhofsähnliche Ruhe, als wir ankamen (Mittagsruhe). Doch ab 14 Uhr ist buchstäblich das ganze Quartier auf den Beinen. Vor praktisch jeder Haustür wird die Einfahrt vom Schnee befreit, und während die Kinder im Schnee herumtoben und mit ihren «Füdlibobs» nach den besten Plätzen zum Schlitteln Ausschau halten, schippen die Erwachsenen Schnee und schauen dabei sehr zufrieden und kein bisschen grummlig aus. Eher so, als wären sie froh, dass es rund ums Haus endlich mal wieder etwas zu tun gibt. Die Gartenarbeit fällt ja im Winter flach.

«Die stecken sich vielleicht gegenseitig mit ihrem Aktionismus an», vermute ich.  Und auch meine Himmelrychner Freundin empört sich: «Es hat doch noch nicht mal aufgehört zu schneien!» Der Bär als wackerer Autofahrer hingegen setzt an zu einem Monolog darüber, dass jetzt der ideale Zeitpunkt sei, um den Schnee noch gut wegzubringen, weil er danach festfrieren … ach, keine Ahnung. Hast du etwas gesagt, Südländer?

Ich hingegen bin nicht mal sicher, ob bei uns an der alten Landstrasse irgendwo eine Schaufel rumsteht. Was ich sicher weiss: Dass ich sicher nicht unter den Eifrigen wäre, die jetzt schon mit der Schneeschaufel zugange wäre. Auf unserem kurzen Spaziergang durch das Himmelrych fragte ich bei zwei Vätern nach den  Beweggründen. Einer führte die Sicherheit der Kinder ins Feld, der andere antwortete mit Schulterzucken, was meine These untermauert, dass er mehr die leeren Stunden am Samstagnachmittag totschlägt. Und das Lustigste: Innert kürzester Zeit entstehen auch schon die ersten Bauwerke  aus Schnee. Ein mächtiger Schneemann mit Knopfaugen schaut gütig zu mir runter, als Arme hat er Buschwerk bekommen, die obligate Karottennase sitzt – und sogar einen Schal hat ihm die Familie noch fürsorglich um den Hals geschlungen. Gleich daneben haben die Erwachsenen eine Eisbar gebaut und auch schon eingerichtet. Ein kleine Junge, der auf seinem Po im Schnee herumrutscht, bietet mir ein Bier an.

Abends kehre ich mit der Erkenntnis zurück in unsere Wohnung, dass in Einfamilienhäusern schon etwas seltsame, weil übereifrige Menschen wohnen. Aber solche mit Kreativität und Tatkraft, das muss man ihnen lassen! Das war noch, bevor ich wusste, dass jemand über Nacht einen riesigen, zwei Meter hohen Penis aus Schnee mitten auf den Thalwiler Dorfplatz gebaut hat. Besonders schönes Detail: Mit kleinen Tannenzweigen haben die Macher:innen die stoppligen Haare am Gemächt angedeutet.

Ach, Thalwil: Jetzt weiss ich endlich, warum ich mich zwischen deinen Lenden so wohl fühle. Heute bin ich dann zum Schneepenis gepilgert wie eine Gläubige zu ihrem Schrein. Ich wollte ihn einfach nochmals mit eigenen Augen sehen, bevor ihn die Sonne erbarmungslos wegschmilz. Die Eichel wies bereits einige besorgniserregende Dellen auf.

Der Schnee ist im Unterland nur ein kurzes Vergnügen – doch dieser geniale Streich wird mir noch lange ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

Und den unbekannten Macher:innen wohl erst recht.

Alltagsprosaisches

Sweat Pants

Meine Slips sind zu eng.

Die Leggings auch. Die Jeans ebenfalls.

Das eine Schuhpaar ist zu klein.

Das andere riecht nach Fussschweiss.

Die warmen Handschuhe sind verschwunden.

Der Pullover kratzt.

«Wer Jogginghosen trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren», hiess es heute im Radio.

Da wusste ich, was zu tun war.

Im Geschäft fand ich das formvollendete Modell: Weites Bein, Seitentaschen, locker sitzend. Farbe Schwarz.

Kontrollgewinn: Check.

6. Januar 2026

Die Schmuggellandschaften kommen!

Ich freue mich sehr, dass dieses Jahr im Rotpunkt Verlag ein Buch erscheint, an dem ich mitgeschrieben habe: Mit diesem besonderen Wanderbuch beleuchten die Herausgeber Franz Ebner und Dominik Siegrist gemeinsam mit elf anderen Autor:innen das Sozialphänomen des Schmuggelns. In meinem Beitrag geht es um die Rolle der Frauen.

Während mehr als eines Jahrhunderts gehörte das Schmuggeln von Zigaretten, Kaffee und anderen Gütern zum Alltag an der schweizerischen Südgrenze. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Schmuggel in der Schweiz unter dem Titel »Export II« legalisiert, während er in Italien weiterhin verboten blieb. Auf rund vierzig ausgewählten Wanderungen werden Geschichten und Wege rund um diese vergessene und verdrängte Form der Bergwirtschaft wieder lebendig. Thematische Kapitel, Fotos, Karten und wandertechnische Informationen runden dieses besondere Wanderbuch ab. Schmuggellandschaften macht die Sozialgeschichte des klassischen Schmuggels im Gelände erlebbar.

Die Autor:innen sind Stéphane Andereggen, Adriano Bazzocco, Franz Ebner, Elsbeth Flüeler, Manuel Haas, Raphael Rues, Dominik Siegrist, David Spinnler, Andrea Tognina, Edita Truninger, Andreas Weissen und Ivo Zanoni.

Merke dir folgendes Datum vor:

Buchvernissage am Mittwochabend, 27. Mai 2026 im Zentrum Karl der Grosse in der Zürcher Altstadt

Jetzt hier vorbestellen! 

Willkommen im Stadtatelier

Hach, was für ein reizvolles Leben mich als Thalwiler Autorin erwarten würde! In unserer Strasse gibt es ein kleines Waschhäuschen, das ich zum Schreibatelier umfunktionieren würde. Wenn man richtig ernsthaft schreiben möchte, braucht man nämlich eine Schreiblaube im Garten, das legen die Beispiele bekannter Schriftstellerinnen wie Milena Moser oder Isabel Allende nahe. Aber die Tatsache, dass ich in unserem über 100-jährigen Wohnhaus mit der eigenwilligen Crevettenfarbe keinen Garten habe, macht das Waschhäuschen zu einem würdigen Ersatz. Zumal es auch noch direkt vor meiner Haustür liegt, nur zwanzig Meter weiter die Strasse hinauf. Als waschechter Gfrörli frage ich mich, wie die Heizsituation im Winter wäre und ob es einen Stecker gäbe, an der ich meine Siebträger-Kaffeemaschine anschliessen könnte. – oder ob ich als Kaffee-Ersatz gleich auf El Tony Mate umstellen müsste. Darüber hinaus frage ich mich, ob ich meine Ruhe hätte oder ob gar immer wieder Leute reinschneien würden, die gerade in der Nähe waren und denen ich in meinen neuen bunten marokkanischen Tässchen einen Espresso kredenzen würde.

Also ehrlich gesagt mag ich es nicht besonders, beim Schreiben gestört zu werden. Das merke ich immer, wenn der Bär nach Hause kommt und ich gerade am Tippen bin. Dann bin ich gedanklich abwesend und was er zu erzählen hat, interessiert mich dann nicht besonders. Das könnte in der Tat zu einem Knackpunkt werden, denn die alte Landstrasse ist eine recht trubelige Sache. Regelmässig quetschen sich Linienbusse durch die schmale Strasse, Menschen strömen zielstrebig zum Bahnhof oder kehren schwer beladen vom Einkaufen zurück. Kinder traben neben ihren Eltern her, die den Kinderwagen stossen, und manchmal quert auch eine junge Frau mit Rucksack den Fussgängerstreifen Richtung Hafen, um dort mit dem Schiff ans andere Ufer zum Gymi überzusetzen. Eine sehr urbane Atmosphäre, nicht zu vergleichen mit meinem ehemaligen Landatelier im Winterthurer Umland, das im Vergleich eher ein Geisterdorf ist. Dafür hatte ich dort direkten Blick auf eine Herde weidender Schäfchen! Meine Mutter und ich haben sie geliebt, diese Schäfchen. Als ich Eva wehmütig von dieser wollenen Wonne erzählt habe, versprach sie mir Schäfchen-Aufziehkleber fürs Fenster. Überhaupt die El Liesyum-Frauen vom Buchladen und meine Busenfreundin, die Eremitin: Ich bräuchte kreative und zupackende Frauen, die mir beim Umbau helfen würden. Ich kann ja keinen Hammer richtig halten.

Auch outfittechnisch gibt es offene Fragen! Meine Freundin Lockenkopf hätte in Essaouira an Marokkos Atlantikküste beinahe dieses sagenhafte Übergewändli mit den lustigen Stickereien gekauft. Der Gedanke inspiriert mich so: Sie in diesem Übergwändli in ihrem Landatelier, wo sie Betonfiguren giesst oder Blumengestecke fabriziert. Aber sie fand das Übergwändli trotz einem Preis, der quasi sekündlich fiel, doch zu teuer für ein Kleidungsstück, das sie nur für die Arbeit anzieht und das sehr schnell schmutzig wird. Trotzdem habe ich mich irgendwie in den Gedanken verliebt, beim Schreiben jeweils ein ultra-bequemes Outfit zu tragen, das besagt: «Ich schreibe!» Milena Moser hat das bestimmt!  Ich denke da an den irischmoosfarbenen Mantel, den ich vor einigen Jahren in  Berlin gekauft habe  und dazu vielleicht eine bequeme Aladdin-Hose, wie wir das früher genannt haben. Immer vorausgesetzt, die Heizsituation lässt es zu. Und dann trage ich dazu noch einen knallroten Lippenstift und die Welt gehört mir! Dann fühle ich mich mutiger, als ich eigentlich bin. Mutig und doch geborgen in der Welt. Und natürlich würde ich in meinem Waschküchen-Schreibatelier auch Atelier-Partys veranstalten! Ich würde sie ganz nach Lust und Laune ansetzen, wahrscheinlich an einem Donnerstagabend. Ich würde dann jeweils die Lichtergirlande rund ums Waschhäuschen anstellen, was bedeuten würde: Open Doors im Atelier! Auch die El Tony Mate-Dosen, die ich in der Ecke gestapelt hätten, würden sich im Nu in ein Feierabendgetränk umwandeln lassen: Einfach mit ein wenig Vodka aufgefüllt, und schon steht der Ausgelassenheit nichts mehr im Weg.

Ringen mit den Übermüttern

Ich bin jetzt seit vier Jahren Co-Parent. Also schon richtig erfahren! Im Klartext bedeutet dies: Ich bin kinderlos, gleichzeitig erhalte ich durch meinen Mann einen unverklärten Einblick ins Elterndasein. Einmal die Woche betreuen wir gemeinsam seinen Sohn. Wir hatten vorher beide überhaupt keine Erfahrung mit Kindern – umso mehr erstaunt es mich, wie rasch und unkompliziert wir in unsere Rollen hineingefunden haben. Wir sind ins Dasein als Tages- und Wochenendeltern geglitten wie in eine gut sitzende Jeans. Er kocht und baut mit dem Kleinen den Lego Mars Rover zusammen, ich lese ihm Bilderbücher vor und baue Sofahütten.  

Neulich hat der 5-Jährige beim Mittagessen verkündet, dass er Seepolizist werden möchte, wenn er gross ist. (Wegen dem Jetski). Und da wir am See wohnen und mein Mann seine Liebe und Zuneigung gern mit Kochen für seine Liebsten ausdrückt, meinte ich: «Dann würde Papi in deiner Mittagspause immer für dich kochen.» Daraufhin der Kleine: «Dann könnte ich immer zu euch an die alte Landstrasse kommen!» Diese Aussage hat mich so gerührt. Ihm Heimat zu schenken und Heimat zu sein, ist eine unermessliche Bereicherung für mich.

Doch Halt: Als Co-Parent gehöre ich nicht richtig zum Elternkosmos. Wenn ich Eltern davon berichte, dass ich den Kleinen vergöttere, aber auch wieder froh bin, wieder meine eigenen Wege gehen zu können, ernte ich schräge Blicke. Eigentlich hätte ich erwartet, dass man zu mir sagt: «Du hast es schön!» Oder zumindest: «Das kann ich sehr gut verstehen.» Stattdessen heisst es manchmal: «Wenn es die eigenen Kinder sind, ist es anders – viel vertrauter.»

Ein Satz wie ein Wurfgeschoss.

Ganz offensichtlich werde ich als Co-Parent im Elternkosmos für nicht ganz voll genommen. Wie überall da, wo es um Identität und Zugehörigkeit geht, werden mit fettem Edding Grenzen gezogen. Ich hier und du dort. «Vielleicht haben frisch gebackene Eltern Angst, die Bindung zu ihrem Kind zu gefährden, wenn sie sich ihren Wunsch nach Freiheit eingestehen», sagt Fabs am Samstagabend in der Wellnessoase. Immerhin ist sie gerade selbst zum ersten Mal Mutter geworden und bezeichnet ihr Kind als wünschenswertestes Wunschkind. 

Elternschaft trainiert die Liebesfähigkeit, und das ist sehr schön. Plötzlich nur noch ein grosser Ballen Gefühl zu sein: Das hätte mir bestimmt auch gefallen. Doch gleichzeitig ist mir als Freiheitsmensch die Vorstellung ein Graus, dass sich der Bewegungsradius so stark einschränkt und sich die Autonomie verabschiedet. Darf man es als Eltern bei aller Liebe für die Kinder nicht manchmal verfluchen, seiner eigenen Fremdbestimmung beraubt zu sein? Hinzu kommt: Der unbedingte Wille zur Aufopferung ist gefährliches Terrain. Vielleicht reagiere ich auch aus einem ganz bestimmten Grund so allergisch auf diesen Hang zur Bedürfnisnegierung: Weil es doch wieder oft die Väter sind, die ihren Raum besser verteidigen und sich Freiheiten ganz selbstverständlich herausnehmen. Väter, die im Wochenbett plötzlich einen vorher ungekannten sportlichen Ehrgeiz entwickeln, sich mit Verve in eine Sammelwut stürzen oder so ganz nebenher noch den selbst gebauten Windeleimer patentieren lassen.

Niemand kann mir weissmachen, dass die fehlende Spontanität und Freiheit des Elterndaseins nicht manchmal auch eine Bürde ist. Die gesteigerte Liebesfähigkeit hat ein Preisschild.

Oder kann es tatsächlich sein, dass sich in den mittleren Jahren, was das Bedürfnis nach Freiheit betrifft, eine gewisse Sattheit einschleicht? Oder dass die Autonomie ohnehin schon immer eine gänzliche Überforderung war und man froh ist, sie endlich loszusein? Wenn ich es mir genau überlege, kann ich es auch bei meinem Mann beobachten: Er geht mit der Fremdbestimmung lockerer um als ich. Ich kann gut damit leben, dass ich nun mal ein Mensch mit einem hohen Autonomiebedürfnis bin. Mir unterschwellig zu verstehen zu geben, ich könne als Co-Parent für die totale Selbstaufgabe wohl einfach nicht genug lieben, finde ich eine Anmassung. Wie innig und liebevoll Beziehungen auch mit etwas mehr Distanz sein können, beweisen Grosseltern und Enkelkinder jeden Tag. Unser Kind ist uns passiert. Dennoch habe ich mich für diesen Weg entschieden. Dafür habe ich  wenn nicht Anerkennung, so doch mindestens Respekt verdient.  

Im Wutpraktikum

-Ich begrüsse Sie herzlich zum Wutpraktikum! Ich heisse Elvira und bin Ihre Wut-Coach. Bevor wir mit einigen Lockerungsübungen beginnen, gehe ich noch rasch die Teilnehmerliste durch … ähm die TeilnehmerINNENliste. Wieder mal eine reine Frauenrunde hier. Oder etwa doch nicht – da hinten: Wie ist Ihr Name?

-Sascha Wiederkehr.

-Sascha Wiederkehr … hmmm … ach ja, hier. Auf meiner Liste steht, dass Sie sich für den Aggressionsmanagement-Kurs angemeldet haben. Das hier ist der Wut-Zulassungskurs. Eine häufige Verwechslung.  

-Bitte?

-Wir machen hier den Wut-TÜV. Ich bringe Frauen bei, ihre Wut zu umarmen. Grenzen verteidigen. Sie wissen schon. Für Sie also Zimmer 205. Viel Spass.

Nochmals von vorn: Herzlich Willkommen, liebe Fridas, Christines, Lauras und wie Sie alle heissen. Bitte entschuldigen Sie die leichte Verzögerung. Ich freue mich, Ihre Reisebegleiterin zu sein, wenn es wieder heisst: «Wie komme ich meiner gerechten Wut auf die Spur?» Der Name Wut-Praktikum ist leider etwas beschönigend. In Wahrheit ist es eher eine Art Boot-Camp. Und es gibt viel zu lernen, meine Damen. Tellerschmeissen, Türknallen, Möbelwerfen, Autolackzerkratzen und Mercedes-Stern-abknicken. Natürlich alles im Bereich des Legalen. Unsere Gefängnisse platzen ja vor lauter Männern schon aus allen Nähten.

Gründe für gerechten Zorn gibt es reichlich. Verdienen Sie weniger als ihr männlicher Kollege – bei genau gleicher Arbeit? Ersticken Sie am Mental Load? Sind Sie in der rosa Wolke versehentlich in die Hausfrauen-Falle getappt? Sie werden es kaum fassen, wie richtig Sie bei mir sind. Von einem cholerischen Vater abstammend und mit einem Mann verheiratet, der über fünf Jahre lang mit einer abgewrackten Trine rumgebumst und mit ihr Drillinge gezeugt und einen Hund adoptiert hat, kenne ich mich mit Wut ein bisschen aus. Und ich kann Ihnen sagen: Ich liebe meine Wut! Sie ist das echteste, was ich zu bieten habe. Verwurzeln Sie sich also mit beiden Füssen fest im Boden, schliessen Sie die Augen und spüren Sie in den Bauchraum: Dort schwelt sie, manchmal jahrelang im Stillen, und irgendwann entlädt sie sich wie ein Vulkan oder ein Feuerwerk.

Doch was bringt Ihnen Ihr Zorn?

Wo Tränen und Kummer Sie niederdrücken, befeuert Sie Ihr Zorn. Er schenkt Ihnen einen überwältigenden Energieschub, der sich direkt in Taten verwandeln lässt. Ich muss schon sagen: Den Frauen die Wut zu verbieten, war ein geschickter Schachzug des Patriarchats. Aber nun ist es mit vorbei mit der Gemütlichkeit! Frauen, entfesselt euch! Sie denken, dass es schon genug Wutbürger und Leid in der Welt gibt? Da haben sie völlig recht. Deshalb machen wir den Wut-TÜV ja auch hier, in einem geschützten Rahmen. Wir haben alle Vorkehrungen getroffen und eine vorteilhafte Zusammenarbeit mit Ikea ausgehandelt. Helme, Brillen und Schutzanzüge liegen bereit. Denn Vorsicht: Unterdrückte Wut kann besonders heftig sein. Hier und heute betreten wir Neuland. Auf Erfahrungswerte können wir nicht zurückreifen. Deshalb ist es gut, wenn sich Ihre Wut einmal probeweise entlädt. Und wenn sie sich nicht zeigen will, kitzeln wir sie ein wenig heraus. Ich bin mit allen Wassern gewaschen.   

Ich verletze Ihren Stolz.
Überschreite Ihre Grenzen.
Und zuletzt trample ich noch auf Ihrer Würde herum.

Auch wenn Ihre Glaubenssätze es Ihnen verbieten wollen: Ihr Zorn steht Ihnen zu. Und er steht Ihnen. Kommen Sie ruhig näher! Treten Sie an den Spiegel und begutachten Sie die wunderschöne Zornesfalte, die sich bei genauerem Hinsehen zwischen Ihren Augenbrauen erahnen lässt. Machen Sie es wie ich: Cremen Sie sie jeden Abend mit Kamelmilchfett ein, damit sie schön geschmeidig bleibt. Und lassen Sie den kostbaren Zorn ja nicht verpuffen! Er ist ein Wunderwerkzeug, denn er verrät Ihnen, wie viel Sie sich wert sind. Atmen Sie also lang aus und beim Einatmen zählen wir gemeinsam: Eins, zwei, …

Seine Hände

Neulich legte ich mitten in der Nacht meine Hand in seine, sodass sich unsere Fingerglieder ineinander verschränkten. Der sanften Berührung im Schwebezustand zwischen Wachsein und Schlaf entstieg sofort der Drang, über diese unglaublichen Hände zu schreiben. Es gab auch schon andere Männerhände in meinem Leben: Solche, die fast zu klein wirkten für den stattlichen Besitzer und mich deshalb rührten. Was für heimliche Schönheitsrituale verbargen sich hinter den akkurat geschnittenen Nägeln auf den verstörend gepflegten Nagelbetten?, fragte ich mich.  

Seine Hände mit den langen, festen Gliedern haben genau die richtige Grösse: Sie umschliessen meine Hände ohne zu starken Druck. Die Haut fühlt sich samtig-weich an, ist stets trocken und schenkt Sommer wie Winter mediterrane Sonnenwärme. Speicherhitze wie zu Grossmutters Zeiten der Kachelofen! «D Meitli leged d Händsche a, d Buebe laufed gschwind», heisst es in einem sehr bekannten Deutschschweizer Kinderlied. Handschuhe trägt er im Winter tatsächlich fast nie, ich hingegen gehe selten ohne aus dem Haus. Es sei denn, seine unglaublichen Hände sind in Griffweite.

Es sind Hände, die nie tropisch-feucht-ekelerregend sind. Ein Mann mit Händen, die sich falsch anfühlen: Schwierig, ja unmöglich. Das Verlangen nach seinen Händen zerrte sofort an mir. Es ist die Sehnsucht nach diesem Urgefühl: Dem Geborgensein durch ihn.

Oh, Robert!

«Das Schöne am Schreiben ist, dass Du es nicht gleich beim ersten Mal richtig machen musst wie bei, sagen wir, einer Gehirnoperation.»

Robert Cormier (1925–2000)

Dieses Zitat hat mich auf meinem Weg als Autorin stets begleitet. Obwohl ich das Werk des US-amerikanischen Schriftstellers und Journalisten Robert Cormier kaum kenne, nahm ich meinen Schreibschüler:innen damit gern die Angst vor dem weissen Blatt. War dieser Vergleich etwas gewagt?, fragte ich mich manchmal im Stillen – und schob den Gedanken gleich wieder weg.

Ich hörte auf zu unterrichten, wendete mich anderen Dingen zu. Das Zitat fiel mir erst wieder ein, als mir ungefähr genau vor einem Jahr eine Mitarbeiterin der neurochirurgischen Abteilung einer Zürcher Privatklinik aufs Band sprach. Ich solle doch zurückrufen, wegen des Operationstermins. Oh Robert, du kannst dir nicht vorstellen, wie beschissen es ist, einen Anruf aus der Neurochirurgie zu erhalten! Ich muss hier vielleicht gleich vorwegnehmen: Es war keine richtige Gehirnoperation mit Schädeldecke-Öffnen und so. Vielmehr liess ich mir eine Zyste in der Hypophyse entfernen. Die Hypophyse ist die Chefin unseres Hormonhaushalts. Sie koordiniert die Ausschüttung der Botenstoffe und liegt unterhalb des Grosshirns. Das Praktische an dieser minimalinvasiven Operation ist: Man muss den Körper nicht öffnen, sondern man benutzt eine Öffnung, die ohnehin schon vorhanden ist: Das Nasenloch.

Der innere Vertigo

Hirn oder Herz: Das sind wohl die zwei Organe im Körper, an denen man am wenigsten gern an sich rumschnippeln lässt. Weil sie sinnbildlich für das Leben stehen. Natürlich wäre eine OP am Knie oder in der Leistengegend auch kein Spaziergang gewesen. Aber angesichts des bevorstehenden Eingriffs nahm ein innerer Vertigo von mir Besitz: Ich kenne das gut, es fühlt sich an wie ein Loch im Innern, in das ich zu fallen drohe. Oh Robert, I can tell you: I was scared to hell. Ich hatte mich selber für diesen Eingriff entschieden, um endlich frei von Medikamenten leben zu können. Die Medikamente vertrug ich jedoch hervorragend – was also, wenn es mir nach der OP schlechter ging als vorher? Die Begriffe «Sterblichkeitsrate und Entfernung Prolaktinom» googelte ich erst am Vorabend des Eingriffs vom Spitalbett aus – so viel zu meinem Panikmodus.


Im Vorzimmer des Grosshirns

Die Hypophyse ist nur haselnussgross, die Platzverhältnisse im Vorzimmer des Grosshirns sind also bescheiden und in der Nachbarschaft verläuft der Sehnerv: Kein guter Ort für Raumforderungen. Es sprengt mein Hirn, wenn ich mir diese hochtechnisierte Millimeterarbeit vorzustellen versuche, die nötig war, um das Material da rauszuschaben. Ich meine: H-A-S-E-L-N-U-S-S-G-R-O-S-S! Es ist mir ehrlich gesagt immer noch ein Rätsel, wie er es gemacht hat. Der spröde, ältere Mann mit Hornbrille und weissem Kittel, erfahrener Facharzt für Neurochirurgie, der mir von mehreren Seiten empfohlen wurde. Ein Mann ohne Selbstzweifel, der in seinem Job immer gleich von Anfang an alles richtig macht. «Inshalla!», schickte ich als Stossgebet Richtung Himmel.  

Die OP verlief absolut komplikationslos, ich hatte überhaupt keine Schmerzen und auch meiner Nase war nichts anzumerken. Seither hat sich bestätigt, was ich im Grunde ohnehin schon wusste: Der Vergleich zwischen einer Gehirnoperation und dem Schreibprozess hinkt gewaltig, weil es zwei ganz unterschiedliche Arten von Tätigkeiten sind. Schreiben als ergebnisoffenen schöpferischen Prozess auf der einen Seite, ein hochtechnisiertes Verfahren auf der anderen Seite, bei dem jeder einzelne Schritt bis ins Detail definiert ist und es Richtlinien gibt für alle Eventualitäten.  

Bereits am ersten postoperativen Tag konnte ich wieder aufsitzen und selber aufs Klo gehen. Noch einen Tag später erhielt ich bereits die ersten Besuche – unter anderem schaute mein Chirurg vorbei, seine Studierenden im Schlepptau, die einen Kreis um mein Bett bildeten. Ich genoss es, im Mittelpunkt zu stehen und als medizinisches Anschauungsbeispiel zu dienen. Von den zehn Studierenden der Humanmedizin waren genau neun weiblich. An diesem Tag lernte ich: Die Zukunft ist weiblich, auch die Zukunft der Medizin. Die andere Sache, die ich lernte: Spröde ältere weisse Männer bekommen im Beisein ihrer Studierenden eine äusserst sympathische Ausstrahlung. Sowieso: Es lebe der alte weisse Mann!  Schliesslich hat einer von ihnen mich von meinem gutartigen Tumörchen befreit, das fast zwanzig Jahre lang in meiner Hypophyse gewohnt hat.

Lebwohl, Frau Prolaktinoma! Suchen Sie sich ein anderes Haus.   

Mein Januar


Den Kopf über Wasser halten

Struktur ins Chaos bringen

In die Kloschüssel bluten

Tote in Gaza

Warum müssen so viele Kinder sterben?

Wintermüdigkeit

Mich aus dem warmen Bett quälen

Zu wenig Zärtlichkeit

Unbekümmerte Zumutung

Aufgezwungene Disziplin

Schwärmen in homöopathischer Dosierung

Überrumpelt werden

Aber auch: Glitzernder Schnee in Einsiedeln

Verschneite Tannenarme

Knirschende Schritte

Dunkelheit und Licht

Der Gefährte

Kinderlachen

Ein schlagendes Herz

Die Morddrohungsreichweite

Sieben Jahre lang habe ich Gastkolumnen für den «Winterthurer Stadtanzeiger» geschrieben. Es waren Gefälligkeitskolumnen, Alltagsbeobachtungen, solches Zeug eben. Sehr selten gab es Leser:innenrückmeldungen. Weil sie alle wohlwollend waren, erinnere ich mich nicht mehr aktiv an sie. Ein einziges Mal gab es einen negativen Kommentar. Die Kolumne hiess «Vater werden wäre schön». Darin schrieb ich, dass die Rollenerwartung an die Männer in Bezug auf Vaterschaft sehr viel einfacher zu erfüllen zu sei als die der Mütter – ergo würde ich nicht gern Mutter, sondern lieber Vater sein.
 

Einschüchterungsversuch Nummer 3765
Was ich damals, so früh in meiner Autorinnenlaufbahn, schon begriff: Wer sich zu feministischen Themen äussert, wird abgewertet und verunglimpft. Gehatet, würde man heute sagen. Das war Ende der Nullerjahre. Heute, mit der Anonymität des Internetz, hat sich das ins Tausendfache potenziert. Mit einer beispiellosen Heftigkeit bekommt das die «Spiegel Online»-Kolumnistin Margarete Stokowski zu spüren. Im Vorwort ihrer Kolumnensammlung «Die letzten Tage des Patriarchats» schreibt sie, dass man sich sehr schnell an Hasskommentare gewöhne oder mit dem Job aufhöre. Man gewöhne sich ebenfalls daran, dass man missverstanden und falsch eingeschätzt werde. «Vieles ist nicht zum Lernen, sondern zum Einschüchtern, und das klappt nicht», so die Journalistin weiter. «Gewalt- und Mordandrohungen zeige ich an, alles andere nicht», schreibt sie lakonisch.
(Die letzten Tage des Patriarchats, S. 21)    

Nicht nur zum Lächeln den Mund aufmachen
Ich bin nun in meinem Leben an einem wirklich heiklen Punkt: Will ich mit meiner eigenen Stimme über feministische Themen schreiben – Themen, die mich wirklich wirklich interessieren, und muss ich dafür in Kauf nehmen, dass ich dafür Morddrohungen erhalte? Oder anders gefragt: Will ich eine Autorin mit Morddrohungsreichweite werden?
Ich bin weiblich sozialisiert, angepasst und hasse es, wenn man mich nicht mag. Die idealen Voraussetzungen, um nie eine Kolumnistin mit Morddrohungsreichweite zu werden. Doch was ich damals noch nicht begriff: Die ganzen Diffamierungen sind Kalkül des Patriarchats. Subtil und perfide will man uns mundtot machen, indem man uns abwertet. Ich bin Autorin und nicht Aktivistin – aber bei feministischen Themen lässt sich das eine ganz schnell nicht mehr vom anderen unterscheiden. Es ist an der Zeit, dass ich den Mund aufmache und es aushalte, wenn der Gegenwind bläst. Vielleicht gibt mir das ja genau den Antrieb, den ich brauche.

  • 1
  • 2