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Löwenbaby sein

Ich setze den Pinsel an und male sorgfältig den ersten Strich. Maler sind sowieso nicht beliebt, wegen der Dämpfe, hat Marjola gesagt. Meine Füsse auf dem warmen Asphalt. Ich sehne mich nach der Kühle einer Kirche. Alles so sommerlich hier. Die Sommer meiner Kindheit, die grosse, verwitterte Villa mit den hohen Fenstern. Der goldumrahmte Eingang, die Giebelstatuen an den Fenstern. Meine Familie muss einst reich gewesen sein. Zu Zeiten von Michelangelo vielleicht. Meine erste Wohnung in der Stadt mit den Milchquadrat-Fenstern und dem hereindrängenden Verkehrslärm erzählt eine andere Geschichte. Ich kneife die Augen zusammen, versuche mich nur auf die Pinselstriche zu konzentrieren. Eine Frau mit dickem, schwarzem Haar … ist es meine Mutter? Hundepfoten, die auf dem hitzeabweisenden Marmorboden des Südens dahintrippeln. Der karamellfarbene Collie war ihr ständiger Begleiter. Ihr bodenlanges schwarzes Kleid, das ihr dieses Schauspieler-Image verleiht. Erinnerungen zerfallen in meinen Händen zu Staub.

Das Haus am Ende der Strasse, sagte ich damals zu meinem Freund. Er liest mir die Namen auf den Klingelschildern vor: Fam. Taucher auf Top 14, Fam. Pilz, Horat, Kiffmann. Ich möchte ein Löwenbaby sein, sagte ich, als er atemlos oben ankam. Das Ticket von Ehtiopian Airlines kautfe ich noch am selben Tag.

Die bunten Mosaiksteinchen glitzern in der Tropensonne. Kirchen gibt es hier keine, dafür viele Moscheen. Meine Mutter war keine besonders brave Frau gewesen, hatte sich dem Priester-Vater widersetzt, um einen Wilden zum Mann zu nehmen. Der Dorfplatz in einer samtenen, mondlosen Nacht, ein angenehmer Windhauch streicht mir über die Haut. Lichter gibt es wenige, junge Männer stehen im Kreis und reden. Später fährt einer mit dem Fahrrad über den Platz. Saadani Safari Lodge, steht auf einem Zettel geschrieben, den mir die Marjola mitgegeben hat. Eine mutige Frau, das sei sie gewesen, hatte Marjola gesagt. Nicht immer ganz einfach. Stur bis zur Boshaftigkeit, aufbrausend, ehrlich, kampfeslustig, aber auch sanftmütig und bescheiden. Bin ich das Produkt einer heissen Tropennacht während des Aufstands gegen die Kolonialisten? Meine Geschichte ist hinter der Erdkrümmung verschwunden – dort, wo ich sie nicht mehr erreichen kann.

Am Ufer sehe ich einige Flusspferde, die im Licht der aufgehenden Sonne baden. Ich hätte früher kommen sollen, um dann vielleicht für immer zu bleiben. Ich nippe an meinem Kaffeebecher und nähre den Salzsee in meinem Innern. Viel später kommt mir ein älterer Mann mit einem langen weissen Kaftan am Strand entgegen. Die Menschen hier leben von dem, was das Meer hergibt. Es ist später Nachmittag, das Meer hat sich zurückgezogen – »Gute Reise, Meer«, flüstere ich. Der Mann kommt näher, jetzt sehe ich, dass er einige glänzende Fische an einem Haken mit sich trägt. Vieläugig starren sie mich an. Mein Schritt verlangsamt sich. Der Mann hält inne, schaut mich an. Einzig die verschiedenen Farben des Meeres können es bezeugen, als er auf Suaheli sagt: »Karibu sana, toto.« (Willkommen, Kind)

Ankämpfen gegen die eigene Endlichkeit

Heute war es wunderbar sonnig und warm, ich hatte frei und ging zum Schreiben auf die schöne Plattenwiese mit Panoramablick über den See. Auf dem Spielplatz neben der Wiese sind mir mehrere Väter mit Kinderwagen begegnet. Der Anblick der Väter mit ihren Trinkfläschchen und Zahngummis und was der Henker sie sonst noch alles mitführen, hat mich wieder mal daran erinnert, dass diese Kleinkindphase einfach überhaupt nicht zu mir spricht. Sie interessiert mich als Lebensphase null. Und wenn es schon von aussen langweilig aussieht: Ich meine, kann es dann in der Innenansicht wirklich aufregender sein? Klar, man hat manchmal schon Erlebnisse abseits der Routine wie «Stämpfeli»-Anfälle und vollgekackte Unterhosen. Da muss man sich schon fragen: Soll ich mir das wirklich antun? Muss man natürlich nicht. Warum auch.

Neulich wurde in der Zeitung eine glückliche Mutter zitiert, die sagte: «Letztendlich habe ich mit meinen Kindern einfach Beziehungen zu tollen Menschen geschenkt bekommen!» Und weil ich dem Lebensentwurf klassisches Familienmodell ehrlich und aufrichtig eine Chance geben will, habe ich diesen Gedanken weitergesponnen und folgendes gedankliches Experiment gewagt: Wenn Kinder zu haben die einzige Möglichkeit wäre, Beziehungen zu Menschen aufzubauen … dann hätte ich alles, wirklich alles daran gesetzt, selbst auch Kinder zu haben. Dann hätte ich sogar mehrere! Aber – und hier endet das gedankliche Experiment bereits wieder – es ist nun mal nicht die einzige Möglichkeit, Beziehungen zu Menschen zu pflegen.

Warum denn gleich selber produzieren?

Und ich möchte auch den Wahrheitsgehalt der Worte aus dem Mund der glücklichen Mutter anzweifeln, denn: Das sind ja nicht Beziehungen, die wir frei wählen können. Sie werden uns quasi qua Universum gesandt. Ich meine, sind wir ehrlich: Da kann man einfach Glück oder Pech haben im biologischen Roulette. Ist das vielleicht das Reizvolle daran? Dass wir total die Kontrolle aus der Hand geben müssen? Bei allem guten Willen: Auch das klingt nicht nach Bucket-List. Oder ist es vielleicht die Neugier, ob man tatsächlich diese tiefe Liebe für ein Kind empfinden kann, auch wenn man nie verstehen wird, warum es sich für altägyptischen Bestattungsriten interessiert und diese mit Stofftieren nachspielt? Der glücklichen Mutter würde ich gern entgegnen: «Wenn du dir Beziehungen zu anderen Menschen wünschst, dann such dir halt Freunde. Ist es nicht etwas extrem, gleich welche produzieren zu wollen?»

Ich kann es zwar nicht nachvollziehen, aber statistisch gesehen ist es wohl so, dass ich als Kinderfreie einer Minderheit angehöre. Oft vergesse ich das. Bei meinem letzten Klassentreffen wurde es mir wieder mal so richtig deutlich vor Augen geführt, denn: Die meisten meiner ehemaligen Mitschüler:innen der Oberstufe haben zwei, drei, vier oder sogar fünf Kinder! F-Ü-N-F Kinder! Es hat mich echt entsetzt. Ich meine, woher nimmt man dieses Selbstverständnis? Man setzt Kinder in die Welt without the blink of an eye – und hat nicht mal den leisesten Zweifel, ob man der Menschheit damit wirklich etwas Gutes tut. Ist das nicht einfach nur selbstgerecht? Aber natürlich war es wieder mal so, dass nicht ich meine ehemaligen Mitschüler:innen gefragt habe: «Du, warum hast du eigentlich – so viele – Kinder?» Stattdessen wurde ich gefragt: «Hast du dir nie Kinder gewünscht?» Heikle Frage, aber ganz offensichtlich hat die Person das nicht abgeschreckt. Ich habe dann gesagt: «Ich brauche viel Raum und Konzentration für mein Schreiben, und Kinder sind Chaos-Maschinen, die mich in meinem künstlerischen Prozess stören würden.» Vielleicht habe ich es auch anders formuliert, eher kürzer und weniger kunstbezogen. Mehr so im Stil von: «Ich lebe nicht gern mit Kindern zusammen. Die machen Lärm.» Typisch, dass solche Fragen immer von jener Sorte Mensch gestellt wird, die sich von der Antwort provoziert fühlt.

Selbstbestimmt und zeitsouverän

Nun gut. Wenn ich es nicht schon längst aufgegeben hätte, hätte ich zurückgefragt: «Warum hast du dir denn Kinder gewünscht und dir diesen Wunsch erfüllt?» Aber ich weiss genau, wie einfallslos die Antworten ausfallen, deshalb erspare ich mir das mittlerweile. Niemand will es zugeben, aber letztlich ist bei allen doch einfach die Angst vor der eigenen Endlichkeit der ausschlaggebende Faktor – sowie eine kräftige Portion Übermut. Und weil Reproduktion dem Gefühl von Unsterblichkeit noch am nächsten kommt, bekommt man halt Kinder.

Am Morgen nach der Klassenzusammenkunft – ein Sonntag – erlebe ich ein Aufwachen, das mich in allem bestätigt: Ich dämmere nach einem tiefen und störungsfreien Schlaf in den Tag hinein und denke: Was für ein Luxus, aufzuwachen, wenn meine biologische Uhr es für richtig hält und mir dann erstmal eine Tasse Kaffee zu machen und mich dann wieder ins Bett zu verkriechen, um zu schreiben oder zu lesen …  So selbstbestimmt und zeitsouverän zu sein und dazu noch Freundschaften zu unterschiedlichen Menschen aus verschiedenen Kontexten zu pflegen … das ist für mich das wahre und gute Leben und jeder Lebensentwurf, der mir das verunmöglicht oder nur schon erheblich erschwert, hat mir einfach nichts zu bieten. I do it my way, summe ich leise vor mich hin, und der Stoffdrache, den wir meinem Ziehsohn aus den Ferien mitgebracht haben, erhebt seine Kopfstimme und krächzt in den schiefsten Tönen: «I do it my way …»